Clubtheater Berlin

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Presse zu "Woyzeck"

Verwandlung
Büchners Woyzeck im Stadtbad Steglitz
(Berliner Woche - 18. Februar 2006)

Klassiker sind gefragt und müssen so manches über sich ergehen lassen. Nun also kommt Georg Büchners "Woyzeck" nicht auf eine gewöhnliche Bühne, sondern wird vom clubtheater-berlin im Jugendstilbad Steglitz in der Bergstraße 90 gespielt. Auch die Hauptfigur selbst macht eine Verwandlung durch. Der an sich arme Füsilier, mit dem medizinische Experimente gemacht werden und den seine Marie ausnimmt und zudem noch betrügt, ist in der Inszenierung von Stefan Neugebauer ein Sohn italienischer Einwanderer, einfallsreich und schwimmt ziemlich lange oben. Bis doch alles über ihn hereinbricht und dem Soldaten, gespielt von Gerolamo Fancellu, als Zufluchtsort nur der tiefste Punkt des Beckens bleibt...




Stadtbad Steglitz
(taz Berlin - 13. Februar 2006)

von Lea Streisand

[...] Der spannendste Moment jeder neuen Woyzeck-Inszenierung ist ihr Ende. Georg Büchner selbst starb 23-jährig und hinterließ nichts als ein paar lose Blätter, eng beschrieben, teilweise unleserlich. Ein ordentlicher Schluss fehlt ebenso wie die Nummerierung der Seiten: traumhafter Spielraum für den Regisseur.
Stefan Neugebauer, Gründer und Regisseur des Clubtheaters Berlin, hat sich auf seine Fahne geschrieben, "außergewöhnliches Theater, natürlich nur "für außergewöhnliche Leute", an außergewöhnlichen Orten" zu machen. Was dieses Mal das stillgelegte Stadtbad Steglitz ist, ein Jugendstilbau mit fast sakraler Architektur. [...]
Wenn Franz Woyzeck, die ärmste Sau, die je auf die deutsche Bühne gebracht wurde, im Stadtbad Steglitz sagt: "Es muss was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann!", und bedauert, dass ihm für derartigen Luxus die finanziellen Mittel fehlen, dann spricht er mit italienischem Akzent. [...]
Woyzeck als Gastarbeiter [...] Ein zeitloses Stück, gespielt am passenden Ort. Fancellu alias Woyzeck rennt Treppen hoch, stürzt Leitern hinunter. Der Rücken krumm, die Knie zittern. Am Schluss fällt er wieder in seine Muttersprache zurück.
Italienisch vor sich hin brabbelnd, hangelt er sich am Rand des leeren Beckens entlang, um das Messer zu verstecken, mit dem er Marie getötet hat. Büchner hat sein letztes Stück nicht vollenden können. Es bleibt offen, ob Woyzeck ertrinkt oder für den Mord verurteilt wird. Im Stadtbad Steglitz erschießt er sich, und die Stille nach dem Schuss ist erschreckend [...]




Vom Medium zum Mörder
Georg Büchners "Woyzeck" im Stadtbad Steglitz
(Neues Deutschland - 20. Februar 2006)

von Volkmar Draeger

Blechern bricht sich der Hall des Pistolenschusses an den Fliesen des Bassins, lässt die Quälgeister um den Mörder und, schließlich, Selbstmörder herum in blauem Licht erstarren. In Fortführung des Schauspielfragments setzt Woyzeck seinem verpfuschten Leben ein Ende, entzieht sich einer Klassenjustiz, die Gerechtigkeit nicht walten lässt. [...]
Was seit Anfang des vorigen Jahrhunderts auch als Oper und Ballett aufrüttelte - das Schicksal einer geschundenen Kreatur aus der privilegienlosen Unterschicht - erfuhr nun eine Neuinszenierung an ungewöhnlichem Ort. Stefan Neugebauer und sein 2000 gegründetes clubtheater-berlin verlegten Büchners Gesellschaftsanklage in das 1908 erbaute, derzeit sanierte Stadtbad Steglitz. Woyzecks Amoklauf wird zum Trockenschwimmen im wasserfreien Becken und erhält so eine zusätzliche Komponente von Vergeblichkeit. Aktionsbereich ist die Herrenseite des überkuppelten, mehretagigen Jugendstilbaus. Sein Becken dient im flachen als Offizierscasino, in dem Woyzeck anfangs mit seinem Kumpel Karten, später aufgeregt Klavier spielt, ehe man das Blut an seinen Händen entdeckt. Die gedrängten Umkleidekabinen auf der Galerie sind Soldatenunterkunft und Maries Wohnung, die Empore darüber der Wachturm.
Getrieben hetzt Woyzeck zwischen diesen Ebenen umher, schikaniert von den Vorgesetzten, malträtiert vom Doktor, betrogen von seiner uniformverliebt tändelnden Marie. Von der Galerie herab examiniert der zynische Doktor den innerlich zerrissenen Soldaten. Seit Monaten isst der im Dienst einer unwürdigen Wissenschaft nur Erbsen, wälzt Todesgedanken.
Winzig wirkt er, wie er vom kalten Boden des Bassins, Schlafstatt und Abgrund, aufschaut. Nach dort lockt er die ungetreue Marie, die letzte Bastion seiner bedrohten Existenz, kappt den Strick, der sie herabließ, ersticht sie in Kuss und Koitus. Gerolamo Fancellu als Titelgestalt turnt akrobatisch zwischen den Spielebenen umher, stürzt sich rücklings ins Bodenlose, hält mit der Intensität und Glaubwürdigkeit seines Spiels den 90-minütigen Abend zusammen. Büchners Text in dieser gerafften, auf acht Akteure reduzierten Form gewinnt unter Neugebauers Hand Zeitbezug und aktuelle Schärfe.




"Woyzeck" geht baden im Jugendstilambiente
(Berliner Morgenpost - 17. Februar 2006)

von boro

Georg Büchners Woyzeck ist seit jeher eine gequälte Kreatur. [...] Nun sieht man diesen Woyzeck plötzlich rauchend, trinkend und Klavier spielend. Fast gelöst wirkt er, wären da nicht seine Wahnvorstellungen. Verhetzt nennt ihn der Hauptmann. Und tatsächlich rennt Woyzeck zuweilen treppauf, treppab, als sei der Leibhaftige hinter ihm her. Ein ständig Gejagter scheint's, der einen Ausweg sucht aus seiner inneren Zerrissenheit. Als der selbstgerechte Tambourmajor ihm auch noch Marie abspenstig macht, gibt es für Woyzeck nur eine Lösung: Den Tod.

Fragment geblieben, ist Büchners "Woyzeck" ein unerschöpflicher Quell verschiedenster Lesarten. Regisseur Stefan Neugebauer und das Clubtheater Berlin, bekannt für Inszenierungen an ungewöhnlichen Orten, haben das soziale Drama ins Stadtbad Steglitz verlegt. Damit wird das Geschehen vom Jugendstilambiente bestimmt, dessen Umkleidekabinen in Kasernenunterkünfte umfunktioniert wurden und dessen Becken sowohl in ein Offizierskasino als auch Versuchslabor verwandelt wurde. [...] Während Ana Filipovic als Marie schauspielerisch nicht zu überzeugen weiß, sind die Männerrollen durchweg trefflich besetzt. Allen voran Gerolamo Fancellu, der den Außenseiter Woyzeck inmitten einer hohlen Soldateska hochemotional, teutonisch-schwermütig und mit mediterran-rasender Eifersucht verkörpert. Fraglich bleibt, ob postmoderne Locationsucht in diesem Fall wirklich angemessen ist.

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