Clubtheater Berlin

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Presse zu "Bad Kleinen"

Dialog um Liebe und Hass
(Neues Deutschland - 2. November 2007)

Alte Wäscherei im Stadtbad wird zu »Bad Kleinen«

von Volkmar Draeger

Bad Kleinen (Quelle: clubtheater Berlin)Mit einem Feuerzeug funzelt er sich die Treppe herunter, ruft seine Komplizin. Sie mokiert sich über das hässliche Versteck, er schwärmt von griechischen Inseln, dem Terroristencamp in Beirut, von Italien, wohin beide wollen. Doch die zwei passen nicht zueinander. Adler ist ein hasserfüllter, militant weltverbessernder Träumer aus dem harten Kern der RAF, Kolibri die bedingungslos Liebende mit Realitätssinn.
Ein gemeinsamer Banküberfall, bei dem sie in Panik zur Mörderin wurde, hat das Paar auf Leben und Tod verschweißt. Die Flucht vor der hetzenden Staatsmacht nimmt ihren gegensätzlichen Auffassungen jede Rücksicht. »Bad Kleinen« nennt Daniel Call sein am Schicksal von Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld orientiertes Stück, das aus zeitlicher Distanz nach den Motiven des 1993 erschossenen Täters und seiner Kumpane fragt.
Stefan Neugebauer hat den einstündigen Dialog in den verfallenen Räumen der Wäscherei des Stadtbads Steglitz inszeniert und macht den Zuschauer in der Enge der Spielstätte zum beklommenen Teilhaber. In die Funktion des Zuhörers hat sich Kolibri zu fügen. Vor ihr kann Adler sein Terroristenlatein zelebrieren. Ihre Gewissensbisse wegen des beim Banküberfall Ermordeten fegt er mit Hinweis auf verbrannte Hexen, ermordete Juden fort. Lieber ein linker Stinker als ein rechter Schlächter. Er befinde sich im Krieg, sei Soldat an der Front, herrscht er die Provinzkröte an. Mögen andere ausgestiegen sein, er sei der letzte RAF-Recke mit staatsverändernden Absichten. Dass er untaugliche Mittel einsetzt, liegt außerhalb seines Horizonts. Verstehen solle sie ihn und will doch nur eins – mit ihm glücklich sein.
Der Konflikt spitzt sich zu, als sie ihre Schwangerschaft gesteht. Es tue ihr leid, entschuldigt sie sich, weil er seine Mission gefährdet sieht. Erst als sie wegläuft, brechen seine Gefühle auf. Als sie zurückkehrt, lässt er für einen Moment Zärtlichkeit zu. Neue Fahndungsfotos, verstärkte Streife im Viertel, Streit um die Überfallbeute treiben seine Gewalttätigkeit auf die Spitze. Sie muss ins Krankenhaus, verliert ihr Kind. Ein letztes Mal rechtfertigt er sich. Längst hat ein Zuträger die Polizei alarmiert, ein Eindringling heimlich Adlers Revolver geleert. Die Erstürmung des Verstecks könnte Routine sein. Adler jedoch wird erschossen, ein zweiter Schuss fällt. Hinter dem Toten und seinem Fall schließt die Staatsmacht die Tür.
Die Inszenierung, eine der stärksten des clubtheaters-berlin, bezieht ihre zupackende Spannung aus pointiert wortgewaltigen Dialogen ohne Vorverurteilung der Figuren. Folke Paulsen und Birgit Pelz liefern sich dem Spiel aus.

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Bad Kleinen
(zitty - 23. Oktober 2007)

von Tom Mustroph

Bad Kleinen (Quelle: clubtheater Berlin)Flüchten mit der RAF: In einem Nebengelass des Stadtbads Steglitz richtet Club-Theater-Gründer Stefan Neugebauer das Quartier zweier gejagter Stadtguerrilleros ein. Der Mann, Adler, prägnant gespielt von Folke Paulsen, ist ein echter Steher. Stets denkt er voraus, ist souverän jeder Lage und beherrscht auch revolutionäres Pathos. Doch er ist nicht nur auf jenen durchgeknallten Macho-Typen reduziert, der die gegenwärtigen R AF-Dokus durchzieht. In ihm lodert die Empörung über alle, die sich so haben ,,einlullen" lassen ,,ins Gewabere von irgendwie durchkommen", ein bisschen konsumieren, etwas motzen und ansonsten fein die Fresse halten. Adler setzt mit seiner Knarre zwar fremde Leben aufs Spiel, aber immer auch sein eigenes. Fluchtgefahrtin Kolibri (Birgit Pelz) hingegen haften noch einige kleinbürgerlichen Eierschalen im Gefieder, Sie ist aus romantischer Neigung zum Manne ins Untergrundgeschäft gegangen. An der emotionalen Kargheit, die ein solcher Alltag bietet, zerbricht sie jedoch. Autor Daniel Call demonstriert eindrucksvoll die seelischen Notzustände jener, die einst die Welt befreien wollten, dann aber in die Falle militärisch-autoritärer Selbstbeschränkung tappten. Ein tolles Thema, ein gutes Stück, ein intensives Spiel. Ärgerlich nur der titelgebende Hinweis auf die Schießerei in Bad Kleinen 1993, denn kaum ein Detail des Bühnenstücks stimmt, bei dem was inzwischen bekannt ist, mit der realen Situation des GSG-9-Einsatzes überein, bei dem das RAF-Mitglied Wolfgang Grams erschossen wurde.




Brutalinski und Naivchen
(Tagesspiegel - 19. Oktober 2007)

von Andreas Schäfer

Wenn nichts mehr geht, hilft nur noch der Süden. Eben hat man noch eine Bank überfallen und dabei einen Angestellten umgeschossen. Jetzt versteckt man sich vor den Fahndungsplakaten in einer Waschküche und löffelt Fünfminuten-Terrine. Da knipst Kolibri, das Mädchen aus gutem Hause, die letzte Illusion an: „Du bringst mich in den Süden, nicht wahr?“ – „Ich hab’s dir versprochen“, sagt Adler, der Terrorist. Auch Terroristen haben Tui-Träume. Bad Kleinen hat Daniel Call sein Stück genannt, nach dem Ort, an dem 1993 bei einer Festnahme ein GSG-9-Beamter und der Terrorist Wolfgang Grams ums Leben kamen (heute und am 20., 24., 26., 31.10., sowie am 2., 3., 7., 9. und 10.11.). Der Titel ist das einzig Effekthascherische an Calls Kammerspiel über Ohnmacht und linke Floskeln. Die beiden tollen über den Abenteuerspielplatz ,revolutionärer Kampf’ – bis die Konsequenz ihrer Taten ihnen schließlich die Luft abdrückt. Von Poesie kann in der Regie von Stefan Neugebauer im Stadtbad Steglitz keine Rede sein. Er inszeniert das Stück als prosaische Beziehungshölle, in der Folke Paulsen den Adler als widerlichen Brutalinski gibt, der gern auf das Naivchen Kolibri (Birgit Pelz) einschlägt. Leider versinkt bei der rohen Figurenzeichnung die fragwürdige Voraussetzung des Stückes vollends in der Unglaubwürdigkeit: die blinde Liebe des Mädchens zu ihrem monströsen Supermann.