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Presse zu "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran"

Nebenan der weise Freund
(Neues Deutschland - 21. Mai 2008)
Russisch-römische Sauna wird zur Rue Bleu für »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran«

von Almut Schröter

Steckt hinter der Kraft des Lächelns ein Geheimnis des Koran? Eher ist das eine Blüte der Weisheit in Éric E. Schmitts Buch »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« – überreicht durch einen Menschen, der um seine Grenzen weiß wie von seinen Möglichkeiten.
Presse Neues Deutschland

Stefan Neugebauer inszenierte den Stoff fürs Clubtheater Berlin ohne Schnörkel. Der Spielort, das Stadtbad Steglitz, gibt kühlen Charme dazu. Fliesen an den Wänden, Duschköpfe über Zuschauern, große Wasserhähne in den Ecken – das vergisst man in der russisch-römischen Sauna während des einstündigen Spiels ohne große Kulisse, mit fast verzichtbaren Licht-, Musikeffekten.

Die Heizung, eine kleine Lampe und eine Teekanne in der Ecke sind der Laden von Monsieur Ibrahim. Die Leute in der Rue Bleu nennen ihn den Araber. Das sei das Synonym für fast 24-stündige Öffnungszeiten des Geschäfts, sagt er. Dabei ist Ibrahim keineswegs Araber, sondern Türke und Moslem. Darüber klärt er den 13-jährigen Moses aus der Nachbarschaft auf. Vorher sieht er eine Weile ungerührt zu, wie der ihn eifrig beklaut. Dieser Junge, weiß Ibrahim, wird vom Leben gerade kräftig geschüttelt. Von der Mutter verlassen, vom Vater nicht zur Kenntnis genommen, irren die Gefühle des Jugendlichen ziellos umher. Auch wenn er meint, er sei jetzt ein Mann, weil die Damen in der Rue Paradis ihn gerade gegen ein kleines Entgelt in Liebesgeheimnisse eingeweiht haben. Richtig, sagt Ibrahim. Zu den Professionellen solle der Junge anfangs gehen. Mit Dilletantinnen könne er sich später abgeben. So verschenkt der Alte lebensnahe Weisheiten. Und Moses, den er Momo nennt, saugt sie auf fast wie ein Schwamm. Er lernt und lernt.

Während sich Christian Meier als Moses durchgehend burschikos gibt, ist es an Folke Paulsen, sich öfter in andere Personen zu verwandeln. Dafür setzt er nicht nur die Stimme variabel ein, sondern zeigt gekonnt Körpersprache. Zieht er den Kittel über, wird er sofort zum Alten, lässt die Schultern nach vorn fallen, wird leiser, aber entschiedener. Wie nebenbei erfährt man da von Ibrahims Sufismus. Als Sufi lässt er die Religion in Lebenserfahrung aufgehen: »Ich weiß, was in meinem Koran steht!«

Am Ende hat Ibrahim Momo dann adoptiert und Geduld mit Ämtern bewiesen. Er sagte, wenn man sich schon ein Nein abgeholt habe, müsse man sich nun um ein Ja bemühen. Der Alte will zu seinen Wurzeln. Beide reisen in die Türkei. Von dort kehrt Momo allein zurück. Ibrahim war am Ziel – und starb. Nun streift sich der Junge den Kittel über. Der neue Araber, werden die Leute sagen. Niemand ahnt, dass Momo das Glück erlebte, mit einem Derwisch zu tanzen.