Clubtheater Berlin

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Presse zu "Elling"

In der sogenannten Wirklichkeit
(Neues Deutschland - 21. Januar 2009)

Das Clubtheater Berlin zeigt Axel Hellstenius' »Elling« im Stadtbad Steglitz

von Lucía Tirado

Es sei unnatürlich, mit jemandem private Dinge zu bereden, den man gar nicht sieht, wiegelt Elling ab. Doch Sozialarbeiter Frank drängt darauf, dass Elling und Kjell lernen, ihr Telefon zu benutzen. Sie probieren es und ruinieren sich fast finanziell damit. Telefonsex ist teuer.

In der neuen Clubtheater-Inszenierung »Elling« haben die beiden Männer bei der gemeinsamen Entlassung aus der Psychiatrie zusammen eine Wohnung zugewiesen bekommen, weil sie »an der Wirklichkeit teilnehmen sollen – sozusagen«. Gelandet waren sie in der Anstalt, weil der eine Söhnchen seiner Mama blieb, bis sie starb, und der andere von den Eltern nur gequält wurde. Nun sind sie erwachsen und haben noch nichts vom Leben gesehen. Durch den Alltag zu gehen, müssen sie lernen, sollen sich auch mal ins Café trauen. Und als es dann in dem Stück des Norwegers Axel Hellstenius soweit ist, fällt ihnen prompt eine Schwangere vor die Füße, in die sich Kjell sofort verliebt.

Das 1999 in Oslo von Peter Naess zur Uraufführung gebrachte Stück ist so rührend, dass es inzwischen schon vielerorts auf die Bühne geholt wurde. Naess führte auch Regie in der Oscar nominierten Verfilmung. Im Stadtbad Steglitz geht nun Stefan Neugebauer mit seinem Clubtheater Berlin den Fragen nach, ob sich das Leben meistern lässt, wenn die Welt im Kopf nicht mit der Welt »da draußen« übereinstimmt, und ob wir nicht alle ein bisschen Elling sind. Klar doch. Neugebauer inszeniert Theater im stillgelegten Stadtbad Steglitz, wir rennen ins Stadtbad und sagen, wir gehen ins Theater. So geht's schon mal los, und »Elling« wandert dort mit dem Publikum. Alles beginnt in der Wäscherei, setzt sich in Näherei und im Café Freistil fort.

Michael Schäfer spielt Elling schön schlaksig, mit blühender Fantasie. Michael Hecht gibt Kjell herrlich hilflos Gesicht und Sprache. Dem kann man nichts abschlagen. Peter Fieseler hat als die Handlung vorantreibender Frank nicht so viele Möglichkeiten, Emotionen zu zeigen. Als solcher aber bringt er ein, dass auch in seinem Leben nicht alles so läuft, wie er sich das gedacht hatte. [...]

Vier Schauspieler kann das Theater im Stadtbad gut vertragen, wie das gelungene Stück zeigt, das in 90 Minuten mit wenig Drumherum gut auskommt. Ein hoffnungsvolles Ende gibt es auch. Nachdem Elling einen Lyrikabend erlebt hatte, bei dem die Dichter sich seinem nun gesunden Menschenverstand nach etwas plemplem benahmen, schreibt er eigene Gedichte. Beispielsweise »Fundstücke 1. – Wir fanden sie im Café...«. Wie »Der geheimnisvolle E.« es schafft, dass seine Werke schließlich in aller Munde sind, hat Pfiff.




Fluchtpunkt Undergroundpoet
(taz - 21. Januar 2009)

von Saskia Vogel

"Ich habe noch nie gefickt!" Mit dem Stationendrama "Elling" des Dramatikers Axel Hellstenius schickt Stefan Neugebauer zwei Neurotiker auf ihren Weg. Er führt das Publikum durch die Räume des Stadtbads Steglitz.

"Du bist verliebt! Was! Was?!!" eifersüchtig schreit Elling seinen Leidensgenossen Kjell Bjarne an. Dieser hat eine Frau kennengelernt - und ist damit seinem Ziel näher gekommen. Nämlich seine längst überfällige Jungfräulichkeit zu beenden: "Ich habe noch nie gefickt!" Es kommt zu Handgreiflichkeiten, am Ende liegt Elling zerstört am Boden. Und doch wird auch er seinen individuellen Zugang zum Leben finden: "Ich werde der Untergrundpoet Elling sein. Das Muttersöhnchen in neuer, gefährlicherer Ausgabe!"

Mit "Elling" inszeniert Regisseur Stefan Neugebauer die Persönlichkeitsentwicklung zweier Freunde, die gerade aus der Psychiatrie entlassen wurden. Der dünne, hochgradig intelligente und überspannte Titelheld, der durch 36 Jahre "intensiver Zweisamkeit" mit seiner Mutter zum Sozialphobiker wurde. Und der leicht zurückgebliebene Kjell Bjarne mit seinem Frauenproblem. Zwei Neurotiker, die den Alltag in ihrer gemeinsamen Wohnung kaum meistern. Immer wieder resümiert Elling an das Publikum gewandt: "Sogar, wenn keine Gefahr droht, bin ich vor Angst wie gelähmt." Selbst Telefonanrufe kann er nicht entgegennehmen.

Als "Stationendrama" bezeichnet Neugebauer das Stück des Dramatikers Axel Hellstenius. Dieser schrieb "Elling" auf Grundlage des norwegischen Erfolgsroman "Blutsbrüder" von Ingvar Ambjørnsen. Laut Regieanweisung von Petter Næss, der "Elling" 1999 in Oslo erstmalig inszenierte und auch Regie beim gleichnamigen Oscar-nominierten Kinofilm führte, verwandelt sich die Bühne in verschiedene Spielorte. Bei Neugebauer wandern die Zuschauer den Szenen einfach hinterher. Durch die Räume des Stadtbads Steglitz.

Das unter Denkmalschutz stehende Jugendstilbad stellte 2002 den Schwimmbetrieb ein und hat sich seit nunmehr fünf Jahren unter der Leitung von Gabriele Berger zum Kulturstandort etabliert. Neugebauer residiert hier mit seinem Clubtheater. Sein Konzept ist es, Theater an unkonventionellen Orten zu spielen, etwa im Anatomie-Hörsaal der Charité. In "Elling" werden die Zuschauer zudem zu Statisten. Dann, wenn er und Kjell Bjarne sich das erste Mal trauen, alleine in ein Lokal zu gehen - selbstverständlich in das Café Freistil im Stadtbad, in dem die Zuschauer zuvor bei einem Glas Wein Platz genommen haben.

Die insgesamt vier Ortswechsel bereichern die Inszenierung, sicher. Mitunter verhindern sie aber konzentrierten Theatergenuss. Es geht unruhig zu. So muss der Zuschauer, kaum dass er sich in die zugig-kalte Wäscherei des Bades (Psychiatrie) gesetzt hat, gleich darauf in die ehemalige Näherei (Sozialwohnung) in der ersten Etage wechseln und vice versa. Dabei lohnt ein konzentrierter Blick - auf die schauspielerischen Qualitäten der Darsteller. In einem Stationendrama interessiert weniger der Handlungsverlauf als die Wandlung der Protagonisten - und diese muss vermittelt werden. Vor allem dann, wenn es sich um den Stabilisierungsprozess labiler Persönlichkeiten handelt. In "Elling" gelingt dies.

Nervös verkrampfen sich die Hände von Hauptdarsteller Michael Schäfer, hastig ist seine Sprache. Und doch gelangt Elling schrittweise zu mehr Selbstbewusstsein, Gestik und Mimik entspannen sich. Und Kjell Bjarne? Die Augen weit aufgerissen, der Blick leer, füllt Michael Hecht die Rolle des überforderten Neurotikers voll aus. Kjell Bjarne plappert Elling gutmütig nach - und doch ist er sozial intelligenter. Geht er doch eine Beziehung mit seiner hochschwangeren Nachbarin ein. Erstmalig übernimmt er Verantwortung für andere.

Der Zuschauer spürt: Kjell Bjarne tritt aus seiner psychischen Weggetretenheit heraus und gewinnt an Präsenz. Ellings Triumph hingegen ist die Poesie. Sein einziges Gedicht, geschrieben in sozialer Isolation, wird durch Zufall in der Zeitung veröffentlicht. Noch längst ist Elling nicht geheilt. Aber er ist jetzt am Ziel - er ist ein Untergrundpoet.




"Elling" in der Inszenierung vom Clubtheater Berlin
(tip Berlin - 30. Januar 2009)

Seit inzwischen fast drei Jahren ist das Clubtheater Berlin nun in Steglitz heimisch und füllt das ehemalige Stadtbad in der Bergstraße im wahrsten Sinne des Wortes bis in die hintersten Ecken mit Leben.

von Martin Zeising

Künstliche Bühnenbilder sucht man beim Clubtheater vergebens. Die Spielstätte wird nicht dem Stück angepasst, sondern sie wird den Anforderungen des Stückes gemäß ausgesucht. Und was die Auswahl an Spielstätten angeht, hat Theaterchef und Regisseur Stefan Neugebauer in dem Bäder- und Gebäude-Komplex des ehemaligen Stadtbades eine fast unerschöpfliche Spielwiese gefunden. Erfreulicherweise wird diese Spielwiese auch in der aktuellen Inszenierung "Elling" wohldosiert eingesetzt und dient nicht als Mittel zum Zweck.
So sitzt der Zuschauer zu Beginn des Stückes nicht etwa in einem typischen Theatersaal mit sturem Blick nach vorne zur Bühne, sondern kann sich im Café Freistil mit Getränken, Snacks und Zeitschriften sowohl leiblich als auch geistig noch stärken.
Schließlich wird die "Besuchergruppe" abgeholt, um den geschlossenen Teil der Anstalt zu betreten und ehe sich der Zuschauer versieht, befindet er sich schon mitten im Stück. Denn in eben jener Anstalt – in einem Raum, wie er schmuckloser nicht sein könnte – lernt man schließlich die beiden Hauptfiguren des Stückes kennen.
Auf der einen Seite Elling (Michael Schäfer), der sich selbst als Muttersöhnchen bezeichnet und trotzdem mit unbestechlichem Charme über den Zustand unserer modernen Welt philosophiert. Auf der anderen Seite seinen "Blutsbruder" Kjell Bjarne (Michael Hecht), der mit stoischer Hartnäckigkeit die zwei großen Interessen seines Lebens verfolgt: Essen und (endlich!) Sex mit einer Frau zu haben.
Die Beiden lernen sich hier in der Nervenheilanstalt kennen und sollen nun an einem Resozialisierungsprogramm teilnehmen, welches ihnen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft eine eigene Wohnung zur Verfügung und den Sozialarbeiter Frank (Peter Fieseler) zur Seite stellt.
Die Inszenierung von Stefan Neugebauer zeigt den schwierigen Weg der beiden Außenseiter zurück ins "normale" Leben. Die einfachsten Dinge wie Telefonieren und Einkaufen müssen "neu" erlernt werden und zudem nervt ihr Sozialarbeiter: Die Beiden sollen die Wohnung auch mal verlassen und unter Menschen gehen - was natürlich ebenfalls alles andere als leicht fällt, wenn man vom Staat eine solch schöne Wohnung zur Verfügung gestellt bekommt.
Doch Michael Schäfer und Peter Fieseler verstehen es, ihre Figuren in wohltuender Dosierung nach und nach von ihrer Oase des Andersseins zu lösen. Schritt für Schritt vermittelt vor allem Schäfer die Entwicklung vom schlaksigen, besserwisserischen und übertriebenen ängstlichem Elling zum Elling, der sogar ein echter Freund sein kann und am Ende mit Witz und Intelligenz zum echten Helfer seines Mitbewohners wird.
Kjell Bjarne hat sich nämlich in die Nachbarin Reidun (Esther Leiggener) verliebt und wie es aussieht, hat sich auch Reidun in Kjell Bjarne verliebt.
Letztlich ist es gerade die Verliebtheit von Kjell Bjarne, die den schmalen Grad zwischen Normalität und Anderssein offenbart. Entdeckt der Zuschauer schon vorher in vielen kleinen Details auch eigene Unzulänglichkeiten, quittiert er spätestens jetzt die hilflosen Versuche Kjell Bjarnes, sich mit pochendem Herzen nicht wie ein Idiot zu verhalten, mit einem Lächeln - immer im Wissen, dass wir alle schon mal irgendwann im Rausch der Schmetterlinge im Bauch nicht nur ein bißchen Kjell Bjarne waren.