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Presse zu "REIGEN"

Die Last mit der Lust
(Neues Deutschland - 14. Juli 2009)

Schnitzlers »Reigen« bringt das wasserlose Stadtbad Steglitz zum Wallen

von Volkmar Draeger

Glück, Liebe gibt es nicht, alles nur ein Rausch, philosophiert der Graf und formuliert so, was Arthur Schnitzler in seinem 1900 geschriebenen, erst 1920 uraufgeführten Drama »Der Reigen« genüsslich persifliert und seziert: die Untergangsmoral der Habsburger Monarchie und ihrer ganzen Epoche. Man lebt, huldigt gelangweilt dem Trieb, kaum ist’s vorbei, ist auch das Gefühl für den anderen passé.
Presse Neues Deutschland

Liebe reduziert sich auf Kurzzeitsex, gleich mit wem, zehn Szenen lang, und am Ende des Reigens ist eine der beiden Agierenden wieder die vom Beginn. Ohne dramatische Steigerung hingetupfte, lose gefügte Wechsel-dich-Spiele mit spitzzüngigen Dialogen und quer durch alle sozialen Schichten. Das Besondere an dieser Inszenierung: Sie steht im antiseptischen Ambiente des Bassins im Stadtbad Steglitz, verfänglich nah vor den Zuschauern.

Gitarre leitet, wie noch häufig, leise die Szene ein. Aus der Brause Männer respektive Frauen ragen je ein Arm und Bein, die zugehörigen Weibchen locken »Willst du mitkommen?« und »Hast du Lust?«. Der Engel, den sich eine aussucht, hager, ausgezehrt, strähnig, muss zurück in die Kaserne, hat auch kein Geld; für eine hörbar rasche Gratis-Nummer in der Brause reicht die Zeit dann doch.

Das keusche Fräulein Marie interessiert ihn mehr, besonders dann unter derselben Brause. Sie sucht Zärtlichkeit, für ihn war sie der Auftakt vorm Tanzvergnügen. Was sie bei ihm gelernt hat, kann sie nützlich anwenden: beim nervösen jungen Herrn im Bademantel, dem das Aufziehen des Kondoms Probleme bereitet. Rücklings über dem Tisch kann er Marie dienstbar sein, heißt sie danach grob nachsehen, wer gerade geläutet hat. Emma hinter dunkelster Sonnenbrille betet er hingegen an; dass sie verheiratet ist, erhöht den Reiz. Als wieder das Kondom einen Strich durchs Abenteuer zu machen droht, er platonische Liebe predigen will, greift sie beherzt zu, und wieder kommt er mit grässlich verzerrtem Gesicht, während sie wimmert.

Nicht zimperlich geht Regisseur Stefan Neugebauer vom Clubtheater Berlin zu Werke, die Schnitzlers Texten immanente Ironie durch inszenierten Sex ohne Brachialgewalt bildhaft zu machen. Das gerät so amüsant, wie die moderne Diktion der Spieler dem Stück eine zeitlos heutige Dimension eröffnet. Als Requisiten braucht’s nur Sitz- und Liegemöbel, Handlungsort sind außer dem Bassin die Emporen und, besonders kuschelig, die Umkleidekabinen, aus denen heraus es im Teil nach der Pause launig stöhnt und gurrt.

Da gerät die »göttliche Einfalt« an den Schriftsteller, den die mondäne Aktrice ächzend vernascht, ehe sie den Grafen verlegen macht. Der landet zerstört beim Strichmädchen des Anfangs. Nadja Kruse mit den herzigen Augen, Alexandra Hökenschnieder mit der aufreizend zerdehnten Sprechweise, Michael Hecht und Michael Schäfer, beide variant in den Typen, lassen in ihren vielen Rollen die Pointen dezent wie die Korken von Edelsekt knallen, sind präsent, ohne zu überdrehen. Das treibt den Spaß auf die Spitze.