Clubtheater Berlin

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Presse zu "Tagträumer"

Schonungsloses Liebesringen im Stadtbad Steglitz
(Berliner Morgenpost - 31. März 2009)

von boro

Er mag Pizza und Bier, sie Seetang-Suppe und Kräutertee. Es gibt idealere Voraussetzungen für eine gelungene Annäherung als bei Trucker Cliff und Verkäuferin Rose.

Er ist wegen einer Autopanne gestrandet und nun in ihrer schäbigen Wohnung gelandet. Ungemütlicher könnte es kaum sein: Die Fenster sind vernagelt, die Nachbarin lauscht an der Wand und obendrein hängt noch der Strick von der Decke herab, mit dem sich die Vormieterin umgebracht hat.

Der einsame Cowboy, der nirgendwo zuhause ist, trifft auf eine frigide Frau, die es vorzieht von der Liebe zu träumen, statt sie zu leben. Eine ewige Sehnsuchtsgeschichte, die der US-Dramatiker TagträumerWilliam Mastrosimone in seinem Stück "Tagträumer" erzählt. Regisseur Stefan Neugebauer hat den Clinch zweier eigenwilliger Charaktere nun in der ehemaligen Bügelei im Stadtbad Steglitz inszeniert, ist doch sein Clubtheater Berlin bekannt für ungewöhnliche Spielorte.

Nach Martin Heckmanns "Das wundervolle Zwischending" gelingt Neugebauer an gleicher Stelle wieder ein gleichsam zartes, einfühlsames wie schonungsloses Liebesringen. Hervorragend besetzt mit der Finnin Meri Koivisto, die als verschrobene Rose jedes Liebeswerben abwehrt, und Eckart Schönbeck, dessen Cliff sich eigentlich nur ein Abenteuer erhofft hat. Bei jeder Abweisung reagiert er heftiger, bis er schließlich das Weite sucht. Doch da haben sich die beiden einsamen Seelen längst ineinander verhakt und können nicht mehr voneinander lassen.

Die schnörkellose Inszenierung dauert nur eine gute Stunde, dann ist alles gesagt. Tagträume und Realität sind keine Gegensätze mehr, sondern finden langsam zusammen. Ein kleines Stück über große Gefühle, klasse gespielt.




Rose und Cliff in der alten Näherei
(Neues Deutschland - 14. April 2009)

von Lucía Tirado

Nun sind sie verschwunden. Aufgewacht und abgehauen, die »Tagträumer« von William Mastrosimone. Das Erfolgsstück endet mit dem Aufbruch von Rose und Cliff. Ihre Liebe gibt ihnen die Kraft, es mal mit dem Glück »da draußen« zu versuchen.

Stefan Neugebauer inszenierte das Stück fürs Clubtheater Berlin in der alten Näherei des Stadtbads Steglitz. Siewird zum Zimmer von Rose. Die kleinen Fenster sind mit Brettern vernagelt. Es war so, als sie einzog, meint Rose. Ihre Vormieterin habe sie angebracht. Ihre Vormieterin habe sich hier auch umgebracht. Das lässt Rose eben alles so. Sie ist Fatalistin, nimmt vieles hin wie es ist. Was sie sich wünscht, das träumt sie sich dazu. Nun hat Rose Cliff mit nach Hause genommen. Sie lernte den Fernfahrer im Supermarkt kennen, in dem sie arbeitet. Sein alter Truck ist defekt. Er kann momentan sowieso nicht weiter. Da lässt er sich eben von Rose abschleppen und will auch gleich zur Sache kommen, kaum dass sie im Zimmer sind. Aber bei Rose geht das nicht so schnell. Sie nahm Cliff mit, um zu reden. Damit kann er zunächst nicht umgehen. Ebenso wie sie ist er einsam und Nähe nicht gewöhnt. Er kann nur davon träumen, irgendwo nach Hause zu kommen.

Ungeschickte Annäherungsversuche und viele kleine Missverständnisse, ein komisches Spiel der TagträumerAnziehung und Abweisung zwischen den beiden prägt die Inszenierung. Meri Koivisto und Eckart Schönbeck (Anm. der Redaktion: im Originaltext der ND ist fälschlicherweise von Friedolin Richter die Rede) zeigen in ihren Rollen Herz. Ihr Schauspiel ist professionell, natürlich, und sie geben ihm rührende Momente. So wie sie Rose und Cliff verkörpern, möchte man meinen, dass man diesen beiden am nächsten Tag im Supermarkt oder auf der Straße begegnen könnte. Und wahrscheinlich ist es ja auch so.

Autor William Mastrosimone, Jahrgang 1947, beschäftigt sich in seinen Stücken mit starken Gefühlen. So wie er bei »Tagträumer« die Liebe wählte, die sich ihren Weg sucht, geht es ihm beispielsweise bei »Extremities« (Bis zum Äußersten) um Hass. Dieses Stück war im vergangenen Jahr in der Brotfabrik zu sehen. Das Berliner Kriminaltheater wird es auch auf die Bühne bringen. »Tagträumer« im Stadtbad Steglitz lohnt den Weg.

Man sieht in dem Stück auch alte Bekannte wieder, denn das Clubtheater kann kein Geld für Bühnenbilder ausgeben. Die alte Couch beispielsweise fand schon bei anderen Inszenierungen ihren Platz. Die Küchenzeile in der alten Näherei passt eigenartigerweise in jedes Stück, als wäre sie dafür gebaut worden. Fenster zum Hof und nach innen zum Gang spielen wieder mit. Auch die Kammer in der Ecke. Rose will nicht, dass Cliff an diese Tür geht. Als er einmal ihr Zimmer verlässt, weil er ihre »Spinnerei« satt hat, bittet sie ihn, wenigstens seinen Pullover bei ihr zulassen. Zurückgekehrt öffnet er dann doch die Kammer. So offenbart sich, was man erahnte -- ihre Sammlung. Da hängt Pullover an Pullover. Die stummen Zeugen ihres selbst gestrickten fiktiven Glücks braucht sie nicht mehr.