Clubtheater Berlin

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Presse zu "Fräulein Julie"

Mundraub in der Gesindekammer (Tagesspiegel - 15. Januar 2010)

Christine Wahl über die Oben-Unten-Schranke

„Wie durchlässig sind die gesellschaftlichen Grenzen in Wirklichkeit?“, will das Berliner clubtheater wissen – und ist mit dieser Frage in guter Gesellschaft. Nicht nur die Bildungsdebatte mit sämtlichen wirtschaftlichen Anschlussproblemen speist sich bekanntlich seit Jahrzehnten aus diesem Punkt. Auch das Deutsche Theater prüft Anfang Februar mit Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“, wohin sich „die Schranken des Unterschieds“ von 1784 bis im Jahr der Agenda 2010 verschoben haben.

Das clubtheater um Regisseur Stefan Neugebauer hat allerdings nicht Schiller, sondern August Strindberg einstudiert. Und der Spielort – die Alte Wäscherei im trocken gelegten Stadtbad Presse Tagesspiegel "Fräulein Julie"Steglitz (Bergstraße 90) – scheint fast schon zu gut zu dessen naturalistischem Trauerspiel Fräulein Julie zu passen (15./16. und 21–23.1., 20 Uhr). Denn die Tragödie ereilt den jugendlichen Kriegsadelsspross Julie tatsächlich in der Gesindekammer: Dort schläft der Knecht Jean mit ihr, der schon seit Jahren psychoanalytisch ziemlich unverbrämt davon träumt, unter einem hohen Baum zu liegen, auf den er hinaufsteigen will. Julie wiederum glaubt sich durch diese Liaison mit dem Kammerdiener ihres Vaters ebenfalls von einem Alptraum zu befreien: Einsam und ohne jede Chance herunterzukommen, sieht sie sich Nacht für Nacht auf einer hohen Säule sitzen.

Dass der One-Night-Stand zwischen altem Kriegsadel und Gesinde noch wesentlich mehr Sprengstoff enthält als die gesellschaftliche Durchlässigkeitsfrage, haben – bis heute legendär – Einar Schleef und B. K. Tragelehn 1975 in ihrer Strindberg-Inszenierung am Berliner Ensemble bewiesen, wo die „Schranken des Unterschieds“ laut Partei- und Staatsführung ja angeblich längst abgeschafft waren. Jutta Hoffmann, Annemone Haase und Jürgen Holtz trieben dem Stück den Naturalismus jedenfalls mit spielwütigem Privatjargon, begnadeten Improvisationen zu Geschlecht und Gesellschaft, Travestieelementen und tiefen Einblicken in die gemeine Sexualpathologie gründlich aus.

Bleibt zu hoffen, dass sich auch das clubtheater inszenatorisch weit genug aus der Wäschekammer wagt!




Liebesdrama zwischen den Schichten (Neues Deutschland - 19. Januar 2010)
Strindbergs »Fräulein Julie« jagt im Strandbad Steglitz ihren Verlobten davon und zerstört Hierarchien.

von Tom Mustroph

Nicht in der Besenkammer, sondern in der Wäscherei des stillgelegten Stadtbades Steglitz beheimatet Regisseur Stefan Neugebauer seine modernisierte Interpretation des Strindbergschen Liebesdramas »Fräulein Julie«. Gewissermaßen als Star der Produktion hat er die an der mit Theateraura versehenen Stanislawski-Schule studierende Monika Gossmann vom fernen Moskau hinweg an den Berliner Randbezirk gelotst. Sie verkörpert mit großer psychischer Wandlungsfähigkeit die Titelheldin.

Auf den ersten Blick verwundert es, dass Neugebauer diese Geschichte ausgräbt, die ihren Hauptkonflikt in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen der amourösen Handelnden hat. Adelstochter Julie lässt sich mit ihrer Dienerschaft ein. Sie jagt ihren standesgemäßen Verlobten weg, richtet einen Ball zur Mittsommernacht für die Dienerschaft aus, pickt sich den Hausangestellten Jean als Favoriten und zerstört damit nicht die gesellschaftlichen Hierarchien, sondern auch das amouröse Gleichgewicht auf dem Gut. Sind wir nicht in einer Presse Tagesspiegel "Fräulein Julie"Demokratie angekommen, in der die Unterschiede von Geld, Status, Bildung und Ausbildung durch eine auf primitivem Niveau egalisierende Fernsehlandschaft weiter nivelliert werden? Kann es die Strindbergsche Spannung überhaupt geben?

Im zweiten Nachdenken erinnert man sich an all die medial ausgeschlachteten Fehltritte der Berühmten und der Stars, an Boris Beckers Ritt durch die Besenkammer, Bill Clintons Praktikantinnenaffäre, Tiger Woods' außereheliche Aktivitäten, Liz Taylors außergewöhnliches Partner-Casting.

Diese Skandale und sogenannten Skandale zeigen eins: An die Stelle der alten (adligen) Herrschaft ist die Prominenz der Schönen und Reichen geraten. Verliebt sich einer von ihnen »nach unten«, wird dies – selbst wenn der Prominente seinerseits aus den unteren Schichten der Gesellschaft aufstieg – als Mesalliance wahrgenommen. Die dort unten hingegen, die Angehörigen der sogenannten, sich immer weiter ausbreitenden und durch kulturelle Segmente erweiterten Dienstleistungsgesellschaft, orientieren sich in ihren Sehnsüchten am Beispiel der Prominenz. Sie ahmen sie in Kleidung, Aussehen und Konsumgewohnheiten nach. Und manche gewinnen, wie das Hausmädchen Christine in Strindbergs Stück, ihre Befriedigung daraus, für eine Herrschaft zu arbeiten, die sich dem konventionellen Bild entsprechend verhält.

Da die Ungleichheiten zwischen Fernsehprominenz und nicht-Fernsehprominenz gerade mit dem Zurschaustellen der innersten Begierden und Triebkräfte immer weiter zunehmen, weil es doch nur einem kleinen Kreis von Auserwählten gelingt, sich dauerhaft in diesem Karussell festzusetzen, die anderen hingegen nach kurzer Benutzung ausgequetscht am Rand liegen gelassen werden, mutet Strindbergs Stück seinem Gehalt nach verblüffend zeitgenössisch an.

Regisseur Neugebauer modernisiert es nur subtil. Die Sprache ist ein wenig frischer. Die Kostüme sind der heutigen Zeit entnommen, das Ambiente der alten Wäscherei sorgt zudem dafür, dass sich ein antiquierter Theaterton gar nicht erst einschleichen kann. Ansonsten verzichtet die Inszenierung darauf, sich an Aktualitäten abzuarbeiten. Gossmann und ihre Kollegen Michael Hecht (als Jean) und Ester Leiggener (Christine) entfalten souverän das Gefühlsspiel ihrer Figuren. Sie erlauben dem Publikum eigene Interpretationsleistungen und führen es nicht am Gängelband der schrillen Effekte.

Natürlich drohen den heutigen Julies nicht die gleichen Konsequenzen von Verachtung und Ausschluss. Die von Strindberg als reizvoll skizzierte Vitalität des Profanen ist als Triebkraft bereits bei den neuen Eliten angekommen. Dass auch in den heutigen Liebesbeziehungen ein gesellschaftliches Spannungsverhältnis herrscht, kristallisiert sich beim Betrachten dieser gut abgestimmten Inszenierung heraus. Neugebauers »Fräulein Julie« ist eine solide Arbeit an einem noch immer außergewöhnlichen Ort.