Clubtheater Berlin

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Presse zu "Der Prozess"

Prozess in der Dampfsauna: Auf Kafkas Spuren im Stadtbad
(Berliner Morgenpost - 17. Juli 2010)

von Ulrike Borowczyk

Man könnte glatt verloren gehen in dem Gewirr unterirdischer Gänge. Vorbei an endlosen Rohren und Leitungen im Kellergewölbe des Stadtbads Steglitz hat man nur eine Chance, wenn man den undurchdringlichen Wächtern folgt.Kafka: Josef K vor Gericht

Aber bitteschön unauffällig, wie sie immer wieder gemahnen. Langsam stellt sich bei den schmalen tief hinabführenden Betontreppen ein leicht klaustrophobisches Gefühl ein. Dabei hatte alles wie ein heiterer Spaziergang begonnen. Auch für Josef K., den Verhafteten, auf dessen Spuren man sich von einem Ort zum nächsten begibt. Gerade wurde er in seiner Wohnung von zwei Wächtern (Alexander Klages, Martin Langenbeck) verhaftet. Warum? Das wird ihm nicht mitgeteilt. Noch hält der smarte Banker in selbstgefälliger Manier den ganzen Prozess ohnehin für einen schlechten Scherz.

Aber bitteschön unauffällig, wie sie immer wieder gemahnen. Langsam stellt sich bei den schmalen tief hinabführenden Betontreppen ein leicht klaustrophobisches Gefühl ein. Dabei hatte alles wie ein heiterer Spaziergang begonnen. Auch für Josef K., den Verhafteten, auf dessen Spuren man sich von einem Ort zum nächsten begibt. Gerade wurde er in seiner Wohnung von zwei Wächtern (Alexander Klages, Martin Langenbeck) verhaftet. Warum? Das wird ihm nicht mitgeteilt. Noch hält der smarte Banker in selbstgefälliger Manier den ganzen Prozess ohnehin für einen schlechten Scherz.

Kafka: Josef K vor Gericht

Überall wartet schon dräuend der Prozess mit prangendem Schriftzug auf den Angeklagten Josef K., denn angeblich wird das Gericht durch seine Schuld angezogen. Gerolamo Fancellu spielt zum zweiten Mal nach "Ein Bericht für eine Akademie" einen seltsam verschrobenen Kafka-Protagonisten. Er verstrickt sich immer heftiger in seinen persönlichen Albtraum. Anfangs ungläubig großmäulig, zum Schluss verstört. Verstehen wird man Kafka wohl nie, aber am Ende dieses Abends glaubt man zumindest, den Hintersinn im Sinnentzug erahnen zu können.

 

Fotos: Dafna Grossman
www.dafnagrossman.com




Kafkas »Prozess«: Jeder ist Teil der Behörde
(Neues Deutschland - 20. Juli 2010)

von Volkmar Draeger

Die Geschichte hat, knapp 100 Jahre nach ihrer Niederschrift durch Franz Kafka, nichts von ihrer rätselvollen Faszination verloren. Was der Prager Schriftsteller per Verfügung einer Veröffentlichung entziehen wollte, wurde ein Welterfolg. Sein Romanfragment, eines von drei hinterlassenen, beschäftigt noch heute die Sinndeuter. Es erlebte 1970 eine erste Theaterfassung, war bereits 1953 zur Oper umgeformt, 1999 gar zu einem Comic geworden, errang Popularität im Film besonders durch Orson Welles. Risikofreudig haben nun Stefan Neugebauer und sein clubtheater berlin für das Stadtbad Steglitz eine Eigenversion erarbeitet.

Kafka: Josef K vor Gericht

Auf 90 Minuten wird die surreale Handlung verdichtet. Auch die Personnage wird auf die unentbehrlichen Figuren reduziert. Zügig schreiten so die Dinge voran, konzentrieren sich ganz auf den Irrweg des Protagonisten Josef K. durch die Instanzen eines unfasslichen Gerichts. Durch Gangschluchten der Bad-Unterwelt erreicht man in der Näherei K.’s Mietzimmer. Dort teilt man ihm mit, ein Prozess erwarte ihn.

Noch wähnt sich der Prokurist im Recht, flirtet mit der Zimmernachbarin, findet fast Hilfe bei ihr, tritt sie doch nächstens eine Stelle als Kanzleikraft in einem Anwaltsbüro an. Dann der Abtransport: K. im Maschinenraum vor einem achtlosen Untersuchungsrichter, dem sich willfährig eine Frau anschmiegt. Der Prokurist verteidigt sich flammend, lässt den Richter nicht zu Wort kommen, verschlimmert seine »Sache«.

Zum Sitzungssaal wird das Bassin mit reichlich Hall und den Kabinen, die als Eingänge in Kafka: Josef K vor Gerichtgeheime Gerichtsräume fungieren. Auf eigenem Podest wartet K., sieht seine Akte herumgetragen. Zeit haben für ihn wieder nur Frauen, so jenes Richter-Kätzchen. Sie weiht ihn in die Organisation der Behörde ein: Mächtigen muss sie zu Diensten sein, mit Duldung ihres Wärtergatten, an Ausbruch denkt sie allenfalls theoretisch. Auch K. ist da, im Gegensatz zum Roman, der Ausweg bereits versperrt. Weder darf er das Gesetzbuch, das ihn verurteilen wird, einsehen noch kann er die Auspeitschung von Wärtern, über die er sich angeblich beklagt hat, verhindern. Unrecht darf geschehen, nicht aber ruchbar werden. Das verstärkt K.’s Schuldgefühle, und überdies, so erfährt er, werden hier aussichtslose Prozesse nicht geführt. Manche warten seit einem Jahr auf Bewilligung.

Übel wird K. da von einer Atmosphäre, die ihn zunehmend lähmt. Prügler, ein offenbar gefragter Job, können die Wärter nicht mehr werden, feixt der amtierende Prügler, als das Richter-Kätzchen mit der Peitsche auf rotem Teppich einherkommt. Schuld an der Misere, weiß sie, sind die hohen Beamten, die jedoch bleiben ungesehen.

In der Sauna trifft K. auf den Gefängniskaplan, der ihn im spitzfindigen Gleichnis vom Landmann, dem lebend der Eingang zum Gesetz verweigert wird, über den Mechanismus der Behörde und die eigene Lage aufklärt: in Michael Hechts beherrschter Darstellung Höhepunkt des Stücks. Die Lüge wird zur Weltordnung, K. abgeführt. Seine Exekution zeigt ein Video.

Fehlt es Fancellu bisweilen an Zwischentönen, weiß insgesamt Neugebauers verknappte Inszenierung nachdenklich zu stimmen. Das ist viel.

Fotos: Dafna Grossman
www.dafnagrossman.com




Romanadaption: Der Prozess
(zitty - 28. Juli 2010)

von Tobias Schwartz

Die Räumlichkeiten des Stadtbads Steglitz faszinieren, die verwinkelten Betriebsräume, das Mosaik der alten Dampfsauna sowie das prächtige Jugendstilbad selbst. Insofern darf man Regisseur Stefan Neugebauer dankbar sein, dass seine Inszenierung von Kafkas „Der Prozess“ eine Führung durch diese Räume beinhaltet. Mit Kafka aber hapert es. Die Frage, ob man dem düsteren, rätselhaften Text ausgerechnet mit einer realistisch konventionellen Regieführung begegnen sollte, sei mal dahingestellt.Kafka: Kittelfrau
Gerolamo Fancellu aber gibt den Josef K., der sich von zwei Wächtern verhaftet grundlos mit einer Anklage konfrontiert sieht, als reichen Businessmann im schicken Anzug und Krawatte – als George-Clooney-Abklatsch. Abgesehen davon, dass Fancellus Spielweise manieriert wirkt, ist die inszenatorische Antwort auf die nicht grundlos offenen Fragen des Romans entstellend und plakativ. Ist Josef K. für die Finanzkrise verantwortlich? Sieht hier so aus. Die nicht unoriginelle, doch eher vordergründige Parallelsetzung der Labyrinthe des Stadtbadkomplexes mit denen des Textes hilft nicht weiter. „Du hast keine Achtung vor der Schrift und veränderst die Geschichte“, spricht gegen Ende der Gefängniskaplan zu Josef K. Da kann man bezogen auf Kafka nur beipflichten.

Kafka: Kittelfrau

 

 

Fotos: Dafna Grossman
www.dafnagrossman.com

 

 

 

 




Willkürliche Gewalt
(www.hamburgtheater.de - 8. August 2010)

von Birgit Schmalmack

Sie sind verhaftet, bitte folgen Sie mir unauffällig." Willkürlich suchen die Wächter Wilhelm und Franz aus den Zuschauern im Cafe Freistil einige heraus. Genauso willkürlich wird wenig später Franz K. in seiner Wohnung verhaftet werden. Die scheinbar erstmal folgenlos bleibt. Doch bald stehen die beiden Männer wieder in K.s Tür und fordern ihn (und die Zuschauer) auf ihnen zu folgen. So geht es los durch die klaustrophobischen Gänge, Flure und Treppenhäuser des Stadtbads Steglitz. Eng, zugestellt und dreckig sind sie. Immer wieder wischt Franz K. sich den Staub und den Schweiß mit seinem weißen Taschentuch ab. Sorgsam bemüht seine wohl gepflegte Fassade nicht in Mitleidenschaft geraten zu lassen. Gutes Aussehen ist dem smarten, erfolgreichen Bankprokuristen wichtig. Mit Selbstbewusstsein, Redegewandtheit und sicherem Auftreten hofft er jetzt auch diese Situation zu meistern. So klettert er im Maschinenraum gleich auf die Kanzel des Kessels
und gibt dem Untersuchungsrichter keinerlei Gelegenheit zum Verhören. Stattdessen fordert er seine Rechte als unschuldiger Staatsbürger ein. Immer noch hofft er auf die Rechtmäßigkeit des Systems, das ihn hierher geführt hat, und glaubt durch eine Beschwerde dieses Recht zu bekommen.Kafka: Kittelfrau

Die Irrfahrt durch das Labyrinth dieses Systems geht weiter. Nach etlichen Fluren, Gängen und Treppen öffnet sich das Halbrund der ehemaligen Schwimmhalle. In dem gekachelten Blau muss K. Aufstellung auf einem kleinen Podest mit seinem Namen nehmen. Während er sich nicht von der Stelle rühren mag, knallen über ihm auf der ersten und zweiten Empore die Türen der ehemaligen Umkleidekabinen. Akten und Frauen werden von Tür zu Tür weitergereicht. Für K. herrscht hier undurchsichtiges Treiben. Scheinbar hausen hier weitere Angeklagte und warten auf ihren Prozess. Immer wieder wird K. von den Wächtern, von einer Ärztin und von einem Auskunftsbeamten versichert, dass er jederzeit gehen dürfte. Doch als K. einen Versuch über das glatte Fliesenrund noch oben startet, muss er wegen übermächtigen Schwindels aufgeben.

Kafka: KittelfrauSo wird er schließlich zur nächsten Etappe geführt. Ein kleiner kapellenartiger Raum mit dem Wandmosaik eines Frauenbildes ist das Ziel. Hier begegnet ihm der Gefängniskaplan. Seine Sache stehe schlecht. Der Mann in der Mönchskutte erzählt ihm das Gleichnis des Mannes, der geduldig auf Einlass ins Gesetz wartet und vom Türsteher stets auf später vertröstet wird. Erst als der Mann im Sterben liegt, eröffnet ihm der Wärter, dass dieses Tor nur für ihn persönlich geschaffen wurde und ab jetzt geschlossen werde.

Die Inszenierung des Clubtheaters unter Regie von Stefan Neugebauer entfaltet seine eindrückliche Wirkung nicht zuletzt durch den Aufführungsort. Die verwirrende Vielfalt der verschlungenen Gänge lassen K.s steigernde Aussichtslosigkeit nachfühlbar werden. Gerolamo Fancellu spielt überzeugend den smarten Businessman in seinem schicken grauen Anzug, deutet aber durch seinen italienischen Akzent auch seine Andersartigkeit innerhalb der Gesellschaft an. Mit nur fünf weiteren Schauspielern (Margot Binder, Michael Hecht, Alexander Klages, Martin Langenbeck, Beatrice Murmann) werden alle übrigen Rollen abgedeckt. Neugebauer schafft es in seiner stark gekürzten Spielfassung des Romans viele wichtige Aspekte aufschimmern zu lassen. Er schildert die diffuse Angst, den hoffnungsschwangeren Glauben, die untergründige Erotik, den nicht hinterfragten Gehorsam, die alles bestimmende Bürokratie und die scheinbar freiwillig gewählte Abhängigkeit. Er
transferiert den Roman dabei aus seiner surrealen Abstraktion in ein Stück reale Welt. Denn das Ambiente des Stadtbades und der Hauptdarsteller Fancellu zeigen im Gegensatz zu Kafkas Text und seinen bisherigen Verfilmungen nicht nur Düsternis sondern auch die Ordnung, kühle Sauberkeit und Klarheit, die K.s Hoffnungsschimmern stetig Nahrung geben und seine Fallhöhe am Schluss erhöhen.