Clubtheater Berlin

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Presse zu "Der Sturm"

Vergebung statt Rache
Im Stadtbad Steglitz tobt »Der Sturm« von Shakespeare
(5. August 2011)

von Volkmar Draeger

Ein Wunderwerk, dieser »Sturm«. Kann in anderen Stücken Shakespeares Recht erst nach Gewalt und Tod triumphieren, so verzichtet der Brite in diesem letzten großen Drama gänzlich auf Mord: Prospero, dem bittere Unbill geschah, will nur mehr Versöhnung, Tugend, sagt er, stehe höher als Rache. Altersweise Einsicht eines Dichters fünf Jahre vorm eigenen Sterben. Genau 400 Jahre fegt »Der Sturm« nun über Europas Bühnen, hat jetzt auch das Stadtbad Steglitz erfasst.
Der Sturm

Ein Wunderwerk, dieser »Sturm«. Kann in anderen Stücken Shakespeares Recht erst nach Gewalt und Tod triumphieren, so verzichtet der Brite in diesem letzten großen Drama gänzlich auf Mord: Prospero, dem bittere Unbill geschah, will nur mehr Versöhnung, Tugend, sagt er, stehe höher als Rache. Altersweise Einsicht eines Dichters fünf Jahre vorm eigenen Sterben. Genau 400 Jahre fegt »Der Sturm« nun über Europas Bühnen, hat jetzt auch das Stadtbad Steglitz erfasst.

Stefan Neugebauer, mit seinem clubtheater berlin inszenierender Dauergast im noch trockenen Bassin, adaptierte die fünf Akte mit nur sieben Schauspielern für das ungewöhnliche Haus. Was im Theater Szenenwandel ermöglich, erzielt hier Ortswechsel, der das Publikum die drei Schauplätze aktiv erwandern lässt. Es beginnt auf den Fliesen der Schwimmhalle, die zum Schiff wird. Dort arrangiert Ariel auf Prosperos Geheiß das Stranden just an jenem Eiland, das dem einstigen Herzog von Mailand und seiner Tochter Miranda seit einem Dutzend Jahren Heimat wurde. An Bord sind Bruder Antonio, der dem Büchernarr Prospero die Macht entriss, Antonios Sohn Ferdinand und der noble Höfling Gonzalo. Säuberlich verstreut der Luftgeist die in weiße Overalls gekleideten Schiffbrüchigen auf der Insel. Die Russisch-Römische Sauna, durch die labyrinthische Unterwelt des Schwimmbads erreichbar, wird zu Prosperos Zelle. Er teilt sie mit der Tochter und, im Verließ hausend, Caliban, Sohn einer besiegten Hexe und nunmehriger Sklave. Besonnen und leise, jedes Wort treffsicher setzend, klärt der Vater dort in langem Monolog Miranda über ihre Herkunft auf.

Friedhelm Ptoks Prospero bleibt stücklang die dominierende, souverän die Fäden ziehende Gestalt, an der sich alle anderen Akteure zu reiben haben. So auch Ariel, den Andrea Pani Laura als zarte, um ihre Freiheit ringende Nymphe in Tüll gibt. Zuvor jedoch bleibt sie Ausführende von Prosperos klugen Plänen. Der muss sich zunächst Calibans Ansprüchen als Herr der Insel erwehren: Roberto de Buenos Aires gestaltet ihn überzeugend als feuriges Untier mit Bart und Zottelhaar. Als Ariel Ferdinand herbeiführt, entbrennt Miranda in Liebe, die der junge Herzog erwidert. Prosperos Proben besteht er bravourös, kann Teil des Versöhnungsplans werden. Als edlen Spross eines machtlüsternen Aristokraten legt ihn Thomas Hut an, besticht durch saubere Artikulation. Dass damit, etwas unglücklich, Bruderkinder zusammenkommen, ist Neugebauers Personenreduktion geschuldet: Im Original darf Ferdinand als neapolitanischer Königssohn um Miranda freien.

Gegen Prosperos Welt der geistigen Überlegenheit wüten, ganz Shakespeare, in deftigen Szenen Volksgestalten an. Stephano und Trinculo heißen sie hier, Kellermeister der eine, Narr der andere, trunksüchtig beide. Nach ersten Ängsten raufen sich die Schiffbrüchigen mit Caliban zusammen, der demütiger Diener wird und sie zum Mord an Prospero anstiftet. Das spielt im Innenhof, zwischen Birke und Kastanie, bietet Uwe Neumann und Robert Frank singend, tanzend, streitend, Sekt süffelnd Paraderollen an Lauthalsigkeit. Beinah sieht sich Stephano als König der Insel, Prospero tut mit Ariels Hilfe alles, ihn darin zu bestärken. Für Miranda und Ferdinand erfüllt sich derweil ihr Liebestraum, der jedoch nicht in Wollust gipfeln darf, wohl wegen ihrer Verwandtschaft. Mit dem geretteten Sektfass brechen die Verschwörer in das Idyll ein, geschreckt von Blitzen scheitert ihr Mordplan. Auch für Prospero ändert sich die Welt: Er schwört dem Zaubern ab, vernichtet als Insignien Stab und Mantel. Zweieinhalb Stunden wogt die Inszenierung, eine von Neugebauers besten, zwischen den widerstreitenden Gefühlen, hat Poesie, Atmosphäre und beutet aufs gelungenste die Örtlichkeiten des Schwimmbads aus. Wasser ist für beide, Stück und Bad, verbindendes Element.




Saunagang: Shakespeare im Stadtbad Steglitz
(Der Tagesspiegel - 4. August 2011)

Ein bisschen Fantasie gehört dazu, wenn zu Beginn ein Schiff im tosenden Sturm kentert und die Szene im leeren, hallenden Wasserbecken des Stadtbads Steglitz spielt. Doch dann geht es ganz schnell: Das Klaviergewitter verhallt, Luftgeist Ariel lockt und pfeift vom Beckenrand. Man folgt in das Kellergewölbe und findet sich in einem Saunaraum wieder – aber dank der guten Darsteller auch auf jener verlassenen Insel, auf der Prospero, der rechtmäßige Herzog von Mailand, in Shakespeares letztem Stück den Weltlauf mit Hilfe von Naturmagie und Zauberbüchern so völlig unblutig und listenreich wieder zurechtrückt und am Ende doch nicht mehr glücklich wird. Seit Prospero, gespielt von Friedhelm Ptok, vor zwölf Jahren von seinem Bruder Antonio verraten und verbannt ...

Der Sturm




Der Zauberer vom Stadtbad Steglitz
(Berliner Morgenpost - 2. August 2011)

von Ulrike Borowczyk

Längst schon ist das Stadtbad Steglitz bei Theaterliebhabern kein Geheimtipp mehr. Wer spannende Inszenierungen an ungewöhnlichen Orten schätzt, ist dort genau richtig. Seit fünf Jahren bespielt das Clubtheater Berlin unter Leitung von Regisseur Stefan Neugebauer das stillgelegte wunderschöne Jugendstilbad.

Anfangs war es nur die Schwimmhalle, in der man Klassiker wie "Woyzeck" erleben konnte. Bald schon wurde der gesamte, große Gebäudekomplex zur verwinkelten Spielfläche, in der sich je nach Stück immer wieder neue ungeahnte Theaterwelten eröffnen.

Auch die aktuelle Inszenierung, William Shakespeares "Der Sturm", die gerade in der Regie von Stefan Neugebauer Premiere feierte, wartet mit einem spektakulären Auftakt in den Tiefen des Schwimmbassins auf: Klaviergewitter peitscht wie ein Sturm durch die Halle und zerschlägt das Schiff des Königs von Neapel und seines Gefolges. Um ihr Leben kämpfend, hängen die Schiffbrüchigen am Rand des Beckens. In praktisches gelbes Ölzeug gekleidet, beobachtet Luftgeist Ariel (Andrea Pani Laura) sie vom Beckenrand. Es war Ariels Herr und Gebieter Prospero, der diesen todbringenden Sturm durch Magie herauf beschworen hat, damit die Schiffsinsassen auf seine Insel gespült werden.

Der Sturm

Vor mehr als zwölf Jahren wurde Prospero, der Herzog von Mailand, von seinem Bruder Antonio vertrieben und fand mit seiner Tochter Miranda Zuflucht auf dem kleinen Eiland. Friedhelm Ptok spielt den magiekundigen Herzog Prospero. Der will Sühne für das Verbrechen, das ihm angetan wurde. Denn unter den Schiffbrüchigen ist auch sein Bruder Antonio. Die Inszenierung wartet mit mancher Überraschung auf. So erklingen in der fast schon sakralen Atmosphäre der Sauna plötzlich fröhliche Shanties und italienische Gassenhauer. Der Spagat zwischen tiefsinnigem Klassiker und moderner Komik gelingt wunderbar. Es gibt auch eine Outdoor-Version. An lauen Abenden geht es hinaus in den Innenhof.