Clubtheater Berlin

mail@clubtheater-berlin.de


Presse zu "Die Grube und das Pendel / Das verräterische Herz"

Mörderische Komplotte - Edgar Allan Poe im Stadtbad Steglitz
(Berlin / Brandenburg - 16. Oktober 2012)

von Volkmar Draeger

Edgar Allan Poes fantastisch-gespenstische Erzählungen für die Bühne zu dramatisieren mag reizvoll sein; ganz unproblematisch ist es nicht. Sind sie doch außerordentlich ambivalent: als Ausdruck des hypertrophen Fabulierwillens eines Hochsensiblen, als verzweifeltes Anschreiben eines fast stets von finanziellen Existenzängsten und literarischen Selbstzweifeln Bedrohten, vielleicht gar Halluzinationen eines Drogengeschädigten, sicher jedoch Meisterwerke amerikanischer Prosa am Anfang ihres Weges.

Stefan Neugebauer ist das Wagnis eingegangen, gemeinsam mit seinen beiden Protagonisten zwei atemlos unwahrscheinliche Geschichten ins Stadtbad Steglitz zu holen. Dort steht ihm als neuer Spielort das frisch entkernte Brunnenhaus zu Gebote: ein abgeschabter enger, sechs Meter hoher Raum mit Oberlichtfenster und von trapezförmigem Grundriss, zu beiden Seiten spitz wie ein Schiff auslaufend. Dahinein hat der Regisseur Poes Texte, entstanden vor dem frühen Tod 1849, inszeniert und die extrem unterschiedlichen Storys ohne jede Klammer aufeinanderprallen lassen.

Neben dem diagonal den Boden querenden Gitterrost klafft eine Öffnung, aus der schaurige Töne wie von einem knurrenden Hund aufsteigen. Dort sitzt der Ich-Erzähler in Kerkerhaft, zu der ihn kafkaesk abstrus die Inquisition verurteilte. Über Gründe erfährt man nichts, wohl aber quälend detailgetreu über die Todesahnungen des Inhaftierten in finsterem Verließ. Durch Zufall entdeckt er in der Mitte seines Gefängnisses einen Brunnen, in den ein Stein schier endlos lange fällt.

Als Uwe Neumann sich aus seiner Grube windet, nackt bis auf einen Slip, blinzelt, die Zuschauer beriecht, wie gehetzt kriecht, da nimmt das bislang verbale Grauen physische Gestalt an. Zitternd und mit gepresster Stimme, ohne ein Zuviel körperlicher Aktion, gestaltet er seinen nervenzehrenden Überlebenskampf zwischen Grube, in die er springen könnte, und dem messerbewehrten Pendel, das auf ihn herabschwingt. Immer krudere Foltermethoden lassen sich seine Peiniger einfallen, bis ihm die rettende Idee kommt. Das erzählt er bereits mit Jeans, geschwärztem Gesicht und unerklärlicherweise Pistole in der Hand. Dann setzt er sich still in eine Ecke, um der zweiten Story zu lauschen. Seinen Job, fast nur mit dem modellierenden Wort das Grauen fühlbar zu machen, hat er aufwühlend gelöst.

Gleich »Grube und Pendel« ist auch »Das verräterische Herz« der Monolog eines Ich-Erzählers, diesmal einer Frau (Anette Daugardt). Die Mörderin will sich ihr Heim verschönern, tritt geschäftstüchtig in einer Talkshow auf, soll für ihr tödliches »Werk« sogar einen Preis erhalten. Das aktualisiert jenen Text zwar, zerrt ihn aber aus der Sphäre des absurd Unbegreiflichen in die Realität einer geplanten, platt kalkulierten Tat. Und kollidiert mit Poes Absicht, hier einen gänzlich überflüssigen Mord zu beschreiben.

Nach vollbrachter Tat triumphiert die Frau, wird zunehmend leichtsinnig, bis ihr das Gewissen einen Strick dreht und sie hysterisch den Mord gesteht. Hündisch kriecht sie da über das Rost: unspektakulärer Schluss eines dennoch anregenden Poe-Projekts.




Horror in Steglitz
(Berliner Morgenpost - 23. Oktober 2012)

von Boro

An Theaterabenden ist es im Stadtbad Steglitz Tradition, dass die Zuschauer im hauseigenen Café Freistil abgeholt werden, um zur Spielstätte der Inszenierung geführt zu werden. Noch nie allerdings wurde wie dieses Mal bei zwei Einaktern nach Edgar Allen Poe gewarnt: "Bitte nicht füttern!"

Dabei wirkt das Alte Brunnenhaus, ein hoher, nicht sehr großer Raum mit Betonwänden und Rohrgeäst, überhaupt nicht wie ein gruseliger Kerker für ein Monster. Regisseur Stefan Neugebauer setzt aber auch nicht auf platte Effekte, sondern auf die Imaginationskraft der Zuschauer. Und die wird reichlich angestachelt. Angefangen mit dem infernalischen Knurren aus einem Gitterschacht tief in den Eingeweiden des Raumes. Dann arbeitet sich die Stimme einer Spukgestalt heraus, bei deren Auftritt einem der Atem stockt.

Eigentlich handelt Edgar Allen Poes Kurzgeschichte "Grube und Pendel" von unfassbaren Qualen, die ein Gefangener der Spanischen Inquisition erleidet. Doch das Spiel von Uwe Neumann als Namenlosem kann man auch ohne zeithistorischen Hintergrund sehen. Eingekerkert entdeckt der Gefangene in der Dunkelheit eine mörderische Grube und ein todbringendes Pendel, denen er ohnmächtig ausgeliefert ist. Anfangs etwas verwirrend, fesselt der intensive Monolog immer stärker.

Auch Poes "Das verräterische Herz" ist ein Crescendo existenzieller Gefühle. Dabei fängt alles ganz leicht an. Anette Daugardt gibt eine flirrende Frauengestalt, die trendy scheint, aber zunehmend dem Wahnsinn verfällt. Ein irres Spiel auf Leben und Tod, dem man gebannt folgt.