Clubtheater Berlin

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Presse zu "Die Entführung aus dem Serail"

Interview mit Theaterregisseur Stefan Neugebauer
(16. Juli 2012)

von Ronald Klein

Während in den großen Opernhäusern die Sommerferien anhalten, spielen einige Häuser weiter. Der tip sprach mit Regisseur Stefan Neugebauer über seine Inszenierung von „Die Entführung aus dem Serail“ im Stadtbad Steglitz.

Heiner Müller konstatierte einst, dass ihn beim Schreiben die Vorstellung des Raumes, beim Inszenieren das Haus resp. die Bühne inspiriere. Das Stadtbad Steglitz ist ebenfalls ein imposantes Haus. Ging es Ihnen ähnlich, als Sie begannen „Die Entführung aus dem Serail“ vorzubereiten? Welche Spezifika sind dem Haus zu eigen, die konkret in Ihre Inszenierung einflossen?

Neugebauer: Die Schwimmhalle mit der sakral anmutenden Apsis ist so imposant, dass sie förmlich danach verlangt, eine Oper in ihr zu inszenieren, auch die Überakustik ist eher für Musiktheater geeignet als für Schauspiel. Außerdem war es bei dieser Oper möglich, die Zuschauer im Becken so zu platzieren, dass man ringsum spielen konnte. Eine Art 360 Grad bewegliches Musiktheater, geboren aus den spezifischen Möglichkeiten der Schwimmhallen-Architektur.

An den großen Opernhäusern gab es zuletzt mit Thalheimers Inszenierung und der von Calixto Bieito zwei nicht unumstrittene, aber medienwirksame Interpretationen des Stoffes. Sie gehen weniger radikal an die Oper. Worin besteht für Sie der Kern, das Skelett? Sie sprechen ja in diesem Kontext von einem „vermeintlichen Kampf der Kulturen“.

Neugebauer: Ja, ich habe beide Aufführungen gesehen und beide waren aus verschiedenen Gründen sehr anregend, die eine in der Reduktion auf die Musik, und die andere in der Verortung - also Serail gleich Puff. Uns interessierte bei der Bearbeitung der beiden Libretti von Stephanie und Bretzner, die wir neu bearbeitet haben, das Persönliche, also der von Bretzner angelegte Vater– Sohn–Konflikt: Was passiert, wenn ein Vater seinen vierjährigen Sohn verlässt, ihm später unwissend die geliebte Frau entführt und ihm dann bei der gescheiterten Entführung aus dem Serail erstmals nach 25 Jahren gegenüber steht? Das Orientalische reduziert sich bei uns auf eine Klangfarbe, und die anderen Konflikte, beispielsweise zwischen Osmin und Blonde resultieren viel eher aus einer anderen Auffassung von Mann-Frau-Beziehungen.

Letztes Jahr inszenierten Sie „Die Zauberflöte“. Besitzen Sie eine Affinität zu Mozart – falls ja, woher rührt diese?

Neugebauer: Nun in Albanien habe ich in der Tat „Die Zauberflöte“ inszeniert und dachte bei den Proben, Mozart ist der Shakespeare des Musiktheaters. Da ist alles drin. Trauriges, Komisches, Groteskes, Verrücktes - kurz das ganze Leben. Und natürlich ist es eine Art Privileg, über Wochen Mozart hören zu dürfen. Und je intensiver man Mozart hört, desto raffinierter wirken seine Singspiele. Er war und ist ein großer Entertainer.

Mozart entwirft – für seine Zeit – eine radikale Utopie: die der Versöhnung. Ist das ein Gedanke, den sie als Regisseur tendenziell aufnehmen?

Neugebauer: Unbedingt, nur die Versöhnung ist sehr ambivalent, denn Bassa Selim ist am Ende nicht versöhnt mit seinem Schicksal, denn er schafft sich seine Freunde / Feinde lediglich vom Leibe. Es versöhnen sich nur die beiden Liebespaare. Übrigens versöhnt sich Sarastro auch nicht mit der Königin der Nacht –egal, wie man die Geschichte erzählt. Aber natürlich „versöhnt“ einen Mozarts Musik mit der Welt.

Sie inszenieren Sprech- und Musiktheater. Es gibt Kollegen, die mit Sprechtheater begannen, dann zur Oper fanden und nur noch selten zum Sprechtheater zurückkehren. Können Sie diese Entwicklung nachvollziehen? Worin besteht für Sie der Reiz, weiterhin parallel zu arbeiten?

Neugebauer: Sänger bringen einem Regisseur ein größeres Vertrauen entgegen als Schauspieler. Das ist wunderbar, denn man steht viel weniger unter dem Druck, sich erklären zu müssen. Aber ob das der Grund für meine Kollegen ist, weiß ich nicht. Der Reiz der Oper besteht darin, dass sich einige dramaturgische Fragen durch die musikalischen Spannungsbögen erübrigen und man mit dem Dirigenten einen Partner hat. Wenn dazu noch das Orchester und der Chor kommen, ist es wirklich faszinierend, wie am Ende alle Beteiligten zusammenwirken. Also im Idealfall eine sehr „versöhnliche“ Arbeit.




Mozarts „Entführung“ im Stadtbad Steglitz - Es geht auch ohne Wasser
(Berliner Tagesspiegel - 16. Juli 2012)

von Udo Badelt

Was ist das Stadtbad Steglitz doch für ein dramatisch-tragischer Ort. Hummer, Krabben und Fische im schmiedeeisernen Geländer und Seifenablagen in formschön gerundeten Kacheln künden noch von dem Wasser, das einst die Bestimmung dieses Baus war. Seit 2002 liegt das Becken trocken, ob und wann es wieder als Bad genutzt wird, steht in den Sternen. Gäbe es nicht Zwischennutzer wie den Regisseur Stefan Neugebauer und sein Clubtheater, würde das Haus völlig in Vergessenheit geraten. Neugebauer nutzt die quasi natürliche Dramatik dieser Kulisse. Büchner, Beckett und Schnitzler hat er hier aufgeführt, 2011 auch Schuberts „Winterreise“, und jetzt mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ erstmals auch eine Oper.

Zwei Geigen, Bratsche, Cello, Querflöte, Oboe und Schlagzeug müssen ausreichen, der Leiter des Kammerorchesters, Helmut Weese, unterstützt einzelne Akkorde dezent am Klavier. Natürlich ist ein Schwimmbad kein Konzerthaus, aber der Klang wird trotz der halligen Akustik nicht breiig, die Stimmen bleiben klar geschieden: ein schlanker, transparenter Mozart. Das Publikum sitzt im Becken, also mittendrin, und schaut der Handlung auf den umlaufenden Gängen und Rängen zu. Neugebauer inszeniert die „Entführung“ nicht, was sich ja anbietet, als Kampf zwischen Westen und Islam, sondern als Kammerspiel, als Psychothriller in einem imaginären Wellnessbad, in den Umkleidekabinen kerkert Osmin seine Gefangenen ein. Hansjörg Schnaß als Osmin löst dieses Konzept am besten ein. Er ist eine Rampensau und singt den Oberaufseher des Bassa – sowieso eine dankbare Rolle für Charakterdarsteller – gefährlich grimassierend, mit raunendem, schnorrenden Bass und mit lauernden, blitzenden Augen im verhungerten Gesicht. Probleme hat er mit seinen Einsätzen, aber man verzeiht es ihm gern, ist er doch darstellerisch der Mittelpunkt der Inszenierung.

Dagegen kommen die anderen nur schwer an. Norina Kutz singt die Konstanze zwar souverän, mit anrührenden Farbnuancen, bleibt aber darstellerisch unscheinbar. Laurent Martin hat als Pedrillo viel mit seinem Akzent zu kämpfen, Alexander Yagudin als Belmonte muss in einem albernen weißen Strahlenschutzanzug auftreten und spielt, als hätte er Valium genommen, singt allerdings mit schönem rubinrotem Tenor. Eine Augenweide ist Sarah Behrendt als Blonde: quicklebendig, mit üppig blühendem Sopran und einer Hand, die so locker sitzt, dass Osmin jederzeit die nächste Ohrfeige fürchten muss. Friedhelm Ptok ist als Bassa Selim ein von den Jahren verhärmt gewordener Mann, über dessen Miene keine Emotion huscht – warum eigentlich? In dem von Neugebauer neugefassten Libretto findet der Bassa am Ende in Belmonte seinen eigenen Sohn wieder, was ja eigentlich schon Grund zum Lächeln wäre. Ptok aber bleibt so trocken wie das Schwimmbecken.




DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
(Livekritik - 16. Juli 2012)

von Elena Artemenko

Haben Sie je eine Oper genossen, während Sie in einem Schwimmbecken saßen? Nein?!

Zur Zeit wird im Alten Stadtbad Steglitz Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ aufgeführt. Das ist Ihre Chance! Hierbei sitzt man tatsächlich gemeinsam mit dem Orchester im Nichtschwimmerbecken, während um einen herum die eigentliche Vorführung vor sich geht.

Die junge Spanierin Konstanze (Norina Kutz) wird mit ihrer englischen Zofe Blonde (Sarah Behrendt) und deren Freund und Diener Pedrillo (Laurent Martin) nach einem Seeräuberfall auf einen Sklavenhandel verschleppt und dort von den machtvollen Palastbesitzer Bassa Selim (Friedhelm Ptok) aufgekauft. Die ehemaligen Umkleidekabinen werden zu Gefangenenlagern umfunktioniert. Pedrillo gibt seinen Herrn und Konstanzes Liebhaber Belmonte über ihren Aufenthaltsort Bescheid und hofft auf ihre Rettung. Wird ihnen die Flucht von der Residenz des türkischen Herrschers gelingen? Schließlich ist der Wächter Osmin (Hansjörg Schnaß) mit seinen Augen und Ohren überall... Zugeben, ein altes Schwimmbad als Spielstätte für eine Oper zu benutzen, ist eine originelle aber auch eine riskante Idee. Allerdings ist die Umsetzung wirklich geglückt und schlussendlich ist es tatsächlich ein 360 Grad-Rundum-Theater.

Die Besetzung der Hauptdarsteller ist treffend und stimmlich brilliert vor allem Sarah Behrendt als Blonde. Der Charakter scheint ihr wie auf den Leib geschnitten zu sein. Wagemutig und schlagfertig zeigt Blonde keine Scheu vor Osmin, dem sie eigentlich unterlegen ist. Dieser, dargestellt durch Hansjörg Schnaß, ist wohl die ausdrucksstärkste und wahnsinnigste Gestalt  des Abends.

BESUCHERFAZIT: Eine Kleinproduktion mit enormer Ausstrahlung. Ein Ohren- und Augenschmaus.




Flucht durchs Tiefbecken
(Berlin / Brandenburg - 21. Juli 2012)

von Volkmar Draeger

Im Stadtbad Steglitz steigt Mozarts »Entführung aus dem Serail«

Mozart im Bassin. »Die Entführung aus dem Serail« erlebt nämlich, wer sich derzeit ins Stadtbad Steglitz begibt. Wohl erstmals versuchen sich Stefan Neugebauer und sein clubtheater-berlin an einer Oper.

Jenes Wasserstück, fast auf den Tag genau vor 230 Jahren am Wiener Burgtheater uraufgeführt und Mozarts Ruhm als freier Komponist einleitend, eignet sich durchaus für dieses Experiment, zumal auch Mozart selbst Unkonventionelles goutierte. Vornehm das Ambiente: Auf Polsterstühlen und frisch gezimmertem Podest sitzt man im Becken, vor sich das Orchester, blickt auf die gitterverzierte Galerie, als sei sie der Rang eines Theaters. Oper hautnah und tuchfühlig, in trauter Runde, umarmt vom gefliesten Bassinrand.

Bassa, türkischer Potentat, gibt von der Galerie herunter den Einsatz für das Orchester aus zwei Violinen, Viola, Violoncello, Querflöte, Oboe, Schlagzeug unter Helmut Weeses Leitung und trifft auf Konstanze. Sie ist, nach Seeräuberdebakel und Sklavenverkauf, in seiner Hand, soll, islamisch verhüllt, seine Geliebte werden. Ihr Herz aber gehört dem spanischen Granden Belmonte, und der trifft, vom Diener Pedrillo informiert, endlich auf der Empore vorm Sultansgarten ein. Dort verweigert ihm allerdings der grantige Wächter Osmin den Eintritt. Erst Pedrillo gelingt mit einer List die Öffnung des Tores. Entführung beider gefangenen Frauen ist gemeinsames Ziel. Denn Konstanzes Zofe Blonde ist Pedrillos Herzensbraut, wird indes von Osmin zudringlich begehrt.

Was nach einer Räuberpistole der im Rokoko beliebten türkischen Art klingt und auf älteren Texten fußt, hat Mozarts wundervolle Charakterisierungskunst vom bloßen Singspiel zur herzrührenden Hymne auf die Liebe geadelt. Sind Constanze und Belmonte die himmelstürmend Liebenden, so hat der Komponist ihnen mit Blonde und Pedrillo ein gewitzt erdnäheres Paar beigegeben, in Osmin den Toren zugewürzt, der meint, Macht mache ihn sexy, in Bassa dem letztlich edlen Herrscher ein Denkmal gesetzt. Als der steht Schauspieler Friedhelm Ptok nicht nur feinnervig seinen Mann; mit Neugebauer zeichnet er auch fürs leicht veränderte Libretto verantwortlich, dennoch die Texte der Arien belassend. Laufen die ersten beiden Akte im Stück, kehrt sich für das Ende die Sitzordnung um: Mit Blick nunmehr auf Tiefbecken und Kuppel vollzieht sich die gute Lösung der vermasselten Flucht. Bassa führt sie in seiner Güte herbei, indem er die Überrumpelten nicht, wie Osmin es wünschte, köpft, hängt, aufspießt, sondern berührt von deren Liebe freilässt. Die Peitsche des Aufsehers wirft er demonstrativ in die Tiefe. Ob er nun Belmonte wie hier als seinen Sohn erkennt oder als den Sohn seines Todfeindes - dass nur ein einst christlicher Vornehmer so selbstlos handeln kann, ist der Auffassung in der Entstehungszeit geschuldet.

Dem zwischen Komik und Tragik changierenden Spiel tut dies keinen Abbruch. Hier allerdings liegt unbedingt eine der Reserven von Neugebauers Inszenierung: Sie fordert den Darstellern gestisch überzeugendes Gestalten nicht dort ab, wo es notwendig wäre. Zu sehr gibt er dem Sängerwunsch nach, die Stimme tönen, nicht jedoch den Körper sprechen zu lassen. Insonderheit trifft das auf Alexander Yagudin als steif agierenden Belmonte, auch auf Norina Kutz als seine Konstanze zu. Wo Musik in Liebe schwelgt, sollte das durch die Darsteller auch sichtbar gemacht werden. Leichter haben es da Sarah Behrendt als bewegliche Blonde und Hansjörg Schnaß als liebestrunken ihr nachsetzender Osmin. Sie laufen zu großer Spielform auf, bedienen besten den Singspiel-Teil.

Wenn Beckenrand, Galerie, später auch Tiefbassin, leider nicht ein Spitzzelt einbezogen werden, nutzt das szenisch geschickt, was die Architektur ohnehin glücklich vorgibt. Dass sie die Frauenstimmen in der Höhe bisweilen schrill klingen lässt, geht auf die natürliche Akustik der Jugendstil-Schwimmhalle zurück. Gesanglich überzeugen in teils koloraturgezierten Arien Norina Kutz und Sarah Bernhardt; Wohlklang verströmt das Quartett zu Ende des zweiten Akts. Und als das Huldigungs-Finale auf Bassas Großmut zur Kuppel emportönt, hat man einer steigerungsfähigen, alles in allem ansprechenden Feier auch auf den unsterblichen Meister Mozart beigewohnt.




Genie im Stadtbad
(Berliner Morgenpost - 24. Juli 2012)

Als Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" 1782 in Wien uraufgeführt wurde, erfreuten sich so genannte exotische "Türkenstücke" großer Beliebtheit. Orientalisches Flair sucht man in Stefan Neugebauers Inszenierung allerdings vergebens, denn der Regisseur hat die Oper im Stadtbad Steglitz mitten in der kühlen, blauweißen Eleganz des Jugendstilbades eingerichtet. Herausgekommen ist ein angenehm unaufdringliches und minimalistisches Kammerspiel vor wunderschöner Kulisse, das ausgesprochen gut unterhält.

Jede der Figuren hat einen charakteristischen Ton, was die simple Geschichte musikalisch spannend und hochemotional auflädt. Betörend sind vor allem die Sopranistinnen Sarah Behrendt als widerspenstige, kecke Blonde und Kathleen Morrison als dramatisch leidende Konstanze. Ihr Quartett mit den Tenören Alexander Yagudin als Belmonte und Laurent Martin als Pedrillo ist ein Höhepunkt des Abends. Bassist Hansjörg Schnaß weiß als fies-tumber Osmin ebenfalls zu überzeugen, während Schauspieler Friedhelm Ptok den Bassa Selim aufreizend gelassen gibt. Das siebenköpfige, unter der Leitung von Helmut Weese vorzüglich aufspielende Kammerorchester ist im Schwimmbecken platziert.

Auch die Zuschauer sitzen dort unten und folgen dem Geschehen mit steten Blicken fast sportlich von links nach rechts zum Beckenrand und den Kabinen sowie hoch zur Galerie. So hat man einen Mozart wohl noch nie erlebt.




(zitty 16/12)

Etwas karg, dieser Mozart im Stadtbad Steglitz. Keine Requisiten, kein Mobiliar außer einer riesigen Schaukel. So übernimmt das nostalgische Ambiente des Jugendstilschwimmbades allein das Setting für Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“. Wenn der Fürstensohn Belmonte (Alexander Yagudin) auf der Suche nach seiner Braut Konstanze (Norina Kutz) seine Auftrittsarie singt, steht er vor einer Umkleidekabine. Ebenso wie Osmin (Hansjörg Schnaß), der Aufpasser im Serail. Der eine auf der rechten, der andere auf der linken Seite, ganz symmetrisch ordentlich. Das Publikum sitzt dazwischen im praktischerweise wasserlosen Schwimmbecken und beobachtet, ähnlich wie beim Tennisspiel, das hin und her wogende Spiel.

Keine postmodernistischen Mätzchen stören dabei das Agieren der Sängerdarsteller. Hier wird von der Regie (Stefan Neugebauer) nichts verfremdet oder aufgebrochen. Und das kommt dem wunderbar singenden Ensemble zugute. Mitten unter ihnen agiert auch der Ex-Schiller-Staatsschauspieler Friedhelm Ptok als mürrisch resignierender Bassa Selim, der sich zum Schluss, anders als bei Mozart, als Vater Belmontes entpuppt. Ein Schlag ins Wasser für den Klang ist die etwas trockene Akustik der Schwimmhalle.




Nicht käuflich
(www.hamburgertheater.de - 26. Juli 2012)

von Birgit Schmalmack

In eine Schwimmhalle gehen, um eine Oper zu erleben – das ist zurzeit in Berlin-Steglitz möglich. Regisseur Stefan Neugebauer verlegt die Mozart-Oper „Entführung aus dem Serail“ in das stillgelegte Jugendstil-Stadtbad. Nach einem Seeräuberüberfall werden die Spanier Konstanze, Blonde und Pedrilio zu Gefangenen von Bassa Selim, der sie auf einem Sklavenmarkt kaufte. Erst die Ankunft von Konstanzes Verlobten Belmonte lässt die Drei auf Befreiung hoffen. Doch es gilt den missgünstigen Wärter Osmin auszutricksen. Die Frauen treten selbstbewusst auf. Sie wollen sich nicht zu Befehlsempfängerinnen der Männer degradieren lassen. Doch zu ihrer Rettung sind sie doch auf ihre Dienste angewiesen.

Neugebauer braucht kein Bühnenbild, er nutzt die Gegebenheiten des Bades geschickt aus: Selim residiert in seiner „Wellnessoase“ auf der oberen Galerie. Umkleidekabinen werden zu Gefängniszellen, die Absperrungen zum verschlossenen Einlasstor und das leere Becken zum Abgrund, über den die Flucht gelingen soll. Die verschiedenen Galerien eignen sich hervorragend für die zahlreichen Auf- und Abtritte der Akteure, bis die Rettung nach fast drei Stunden geglückt ist.

Das Opernorchester ist auf acht Musiker geschrumpft, die unter der Leitung von Helmut Wiese agieren. Die gute Akustik in der Schwimmhalle müssen nicht nur sie berücksichtigen; auch für die Sänger bedeutet dies eine zusätzliche Herausforderung. Während die Männerstimmen von dem großen Klang profitieren, haben die Frauen bei den hohen Stellen manchmal mit dem Hall zu kämpfen. Die Sprechrolle des Bassa wird vom erfahrenen Friedhelm Ptok gespielt. Er ist eine Idealbesetzung für den weisen, gütigen Herrscher und wird zum Fixstern dieser Aufführung, um den die anderen kreisen. Der großäugige Glatzkopf Hansjörg Schnaß lotet eher die komischen als die furchterregenden Momente seines Osmin aus. So hat Blonde (Sarah Papadopoulou) leichtes Spiel, ihm gegenüber ihre feministische Seite durchzusetzen. Norina Kutz ist eine würdevolle Konstanze, der man abnimmt, dass sie alle Liebebezeugungen und Ehrerbietungen von Bassa Selims auch unter Androhung des Todes standfest ablehnen wird. Belmonte (Thomas Hartkopf) wirkt in seinem weißen Anzug wie ein zunächst orientierungsloser Fremder, der in die Welt des Serails eindringt. Laurent Martin als Pedrilio nimmt mit seiner energetischen Spielweise und warmen Stimme nicht nur Blonde für sich ein.

Im dritten Akt wird es spannend. Nach einem Richtungswechsel des Zuschauerrangs gelingen interessante Bilder. Mit einer Taschenlampe sucht ein Wächter die gesamte Schwimmhalle ab. Nicht nur alle Umkleidekabinen durchleuchtet er sondern auch das Becken. Er findet Pedrilio nicht, obwohl dieser sich derweil direkt unter ihm auf den unteren Beckenvorsprung entlang hangelt. Mehr solcher Ideen, die die Besonderheit des wunderschönen Ortes ausnutzen, hätten den Abend noch spannungsreicher gemacht. Doch Neugebauer ist sehr behutsam, fast ehrfürchtig mit der Mozartoper umgegangen.

Zum Schluss steht Bassa Selim ganz allein in der zentralen Nische seines Serails. Sehnsüchtig guckt er zur seitlichen Galerie: Dort stehen alle Geretteten in ihrer großen Freude dicht beieinander. Selim darf sich zwar seiner Großzügigkeit und Menschlichkeit rühmen, doch er bezahlt mit der Einsamkeit.




Die Entführung aus dem Serail
(Bühne radiokritik beim rbb radio kultur)

Bewertung: Das Medium Oper findet schon seit Jahren nicht mehr nur in den dafür gebauten Opernhäusern statt. Die Oper ist grade in Deutschland oft an exotischen Orten zu erleben. Nach Museen, Klosterinnenhöfen und Scheunen gibt’s jetzt auch Oper im Schwimmbad – Für Das Clubtheater Berlin inszenierte Stefan Neugebauer Mozarts „Entführung aus dem Serail„ im Stadtbad Steglitz.

Glücklicherweise brauchte ich als bekennender Schwimmbadmuffel keine Badehose – obwohl das Publikum wie auch das winzige Orchester im Becken platziert wurden - während die Aufführung an den Rändern und den Etagen des alten Jugendstil- Stadtbades zu verfolgen war.

An solch einem Ort sind Bühnenbilder schwierig umzusetzen – deswegen hat hier Regisseur Stefan Neugebauer darauf gesetzt, das alte Schwimmbad selbst zum Schauplatz zu machen. Neugebauer hat das Konzept schon an anderen merkwürdigen Orten ausprobiert, und auch hier ist es ihm gelungen, die Phantasie der Zuschauer soweit zu beflügeln, dass man mühelos dem Mozart-Stoff folgen konnte – Der Befreier Belmonte rüttelte an ohnehin vorhandenen schmiedeeisernen Absperrungen, die somit zu Haremspforten wurden, die Leitern, die Konstanze und Blondchen in die Freiheit führen sollten, waren schon da in Form von Leitern ins tiefe Sprungbecken, und der betrunkene Osmin zog sich in eine Umkleide zurück, um seinen Rausch auszuschlafen. Ja sogar einige musikalische Besonderheiten hat Neugebauer intelligent visualisiert – der große Quartett im 2. Akt ist eigentlich ein Doppel-Duett der beiden Liebespaare, und so sangen die Paare das Ganze teilweise auf zwei Etagen verteilt.




(kulturradio)

von Matthias Käther

Akustischer Alptraum

Nun könnte man glauben – und die Veranstalter haben das vielleicht auch geglaubt - ein halliger Ort eigne sich perfekt für musikalische Events. Leider ist dem nicht so. Jeder Rundfunkjournalist, der schon mal in einer solchen Umgebung Interviews geführt hat, weiß, was für ein Alptraum das ist, solche Gespräche zu schneiden – der Klang wird verschwommen; eigentlich sind exakte berechenbare Klänge gar nicht mehr möglich. Insofern war's fast ein Wunder, dass das winzige Clubtheater-Kammerorchester nicht auseinanderfiel. Akzente konnte es nicht setzten. Die Entführung aus dem Serail hat viele schnelle Nummern, Parlando-Läufe oder Stakkati; all das klang sehr mulschig, und da hatte man wirklich streckenweise das Gefühl, man befände sich mit den Musikern zusammen in einem gefüllten Becken unter Wasser.

Ganz zu schweigen von der fehlenden Wucht bei Stücken, deren Wirkung sich eben erst bei vollem Orchester entfaltet – die Exposition von „Martern aller Arten„ mit einer handvoll Musikern – da mögen sich einige Mozartianer gefühlt haben wie Star-Wars-Fans, denen man Raumschiffe aus Legosteinen präsentiert.

Junge Sänger mit Fehlern, aber Mut zum Risiko

Man sollte hier also wirklich die kuriose Idee der Inszenierung genießen und nicht so sehr wegen der musikalischen oder gar sanglichen Qualitäten hingehen. Da sind, abgesehen vom schauspielerisch überzeugenden Hansjörg Schnaß als sehr sympathischen Schurken Osmin junge Sänger unterwegs, die noch nicht in jedem Fall die Erfahrung mitbringen, diese auch sehr schwierigen Partien ganz zufriedenstellend zu singen. Immerhin – der Mut von Norina Kurz und Sarah Berendt , sich an so gigantische Rollen wie Konstanze und Blondchen zu wagen, ist respektabel, und grade die beiden Frauen blieben auch über weite Strecken trotz kleiner Schönheitsfehler überzeugend und ein Lustgewinn. Undiskutabler Pluspunkt: Hörbuchlegende und Schauspieler Friedhelm Ptok, der das Ensemble souverän in der Sprechrolle des Bassa Selim zusammenhielt.

Ansonsten gilt wie so oft die Maxime: Oper mit jungen Leuten macht Spaß, weil mangelnde Routine streckenweise durch Spielfreude und spürbaren Enthusiasmus ausgeglichen wird.




Mozart im Stadtbad Steglitz
(Berliner Zeitung - 16. Juli 2012)

von Peter Uehling

Gesitteter als erwartet: Das ist Mozarts „Entführung aus dem Serail“ im Stadtbad Steglitz.

Jetzt hat auch die Staatsoper im Schiller-Theater ihre Pforten für ein paar Wochen geschlossen. Wer nun immer noch eine Oper sehen will, muss schon nach Salzburg oder Bayreuth fahren. Oder nach Steglitz. Im Stadtbad in der Bergstraße schwimmt seit zehn Jahren niemand mehr, aber zum Abreißen ist das 1908 eröffnete Gebäude mit seiner reizvollen Mischung aus Jugendstil und Industriearchitektur auch zu schade. Die Käuferin des Gebäudes, Gabriele Berger, deren eigentliche Profession Wassergymnastik ist, wurde unversehens zur Kulturunternehmerin: Wo in Berlin etwas leer steht, muss Kultur hinein – und so vermietet sie das Stadtbad an freie Gruppen. Regelmäßig ist Stefan Neugebauer mit seinem „clubtheater“ dabei; nach verschiedenen Theaterprojekten gibt es in diesem Sommer eine Oper, Mozarts „Entführung aus dem Serail“, begleitet von Streichquartett, zwei Bläsern und „türkischem“ Schlagzeug unter Leitung von Helmut Weese.

Zunächst: Neugebauers Aufführung ist jugendfrei. Man muss das nach Erfahrungen mit der Inszenierung Calixto Bieitos an der Komischen Oper (empfohlen ab 16) dazusagen, und in einer Badeanstalt wären ja immerhin gewisse halbnackte Provokationen denkbar gewesen. Aber nein, es ist alles ganz gesittet. Gesitteter gar als erwartet. Das Schlüpfrigste ist eine große Schaukel, auf der sich das emanzipierte Blondchen räkelt und ihre Spielchen mit Osmin treibt. Dieser Serail-Aufpasser ist ein Sadist ohne gesteigerten sexuellen Appetit und lässt sich von Blondchen auch schnell verjagen. Hansjörg Schnaß, groß, kahl und mit furchterregender, allerdings auch wenig geschmeidiger Stimme gesegnet, wird erst bei der Aussicht auf eine Prügelei heiter und weiß nicht so recht, wie er sich den Damen nähern soll. Das macht ihn verführbar: Als Blondchen mit dem heimtückischen Schlaftrunk an seine Umkleidekabine klopft, öffnet er im BSR-orange Pyjama und glaubt Wunder, was jetzt passieren wird.

So einem schrägen Typ fliegen die Sympathien zu. Belmonte, der seine Geliebte Konstanze aus dem Serail befreien will, hat es da schwerer: Alexander Yagudin ist leider ein allzu blasser Darsteller und Sänger, und sein weißer Schutzanzug lässt ihn noch blasser wirken. In ihm betritt er das Serail, als ob er es für radioaktiv verstrahltes Gelände hält – das spricht nicht gerade für seinen Wagemut. Witziger ist da Laurent Martin als sein Diener Pedrillo, der am besten einlöst, was die Gattung Singspiel verlangt: Bewegliche Darstellung und eine leicht ansprechende Stimme.

Besser singen jedoch allemal die Damen. Sarah Behrendts Blondchen setzt das Schnippische ihrer Partie beeindruckend, manchmal mit einer gewissen Schärfe ihres Soprans um. Norina Kurz als Konstanze überzeugt stimmlich voll und ganz, die Koloraturen und extremen Höhen sitzen ideal und virtuos, ohne den innigen Charakter der Figur zu verraten. Und Friedhelm Ptok als Bassa Selim verleiht dem Ganzen lässig-autoritär noch einen Schuss Staatstheater-Seriosität – tatsächlich müssen sich Darsteller und Musiker die Einnahmen teilen. Man kann sich denken, dass das bei 60 Plätzen nicht allzu viel ist.

So weit, so nett. In seiner speziellen Aura scheint das Stadtbad in dieser Produktion allerdings kaum genutzt. Die Umkleidekabinen, aus denen man einst ohne Umweg über Duschen in den Badebereich gelangte, schaffen Auf- und Abtrittsmöglichkeiten. Im dritten Akt steigen die Sänger auf der Flucht durch das leere Becken, die nächtliche Beleuchtung schafft geheimnisvolle Stimmung. Was aber bedeutet die Abwesenheit von Wasser, was der Stil des Gebäudes, der Verlust seines ursprünglichen Sinns? Die merkwürdige Sakralisierung des Jugendstil-Körperkults durch das Apsis-artige Gewölbe? Der Raum hat einen Bedeutungsüberschuss, den die Produktion in ihrer Treuherzigkeit nicht für sich zu nutzen wusste.