Clubtheater Berlin

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Presse zu "Bastien und Bastienne"

Liebesleid, Liebesglück und ein bisschen Esoterik:
Premiere von “Bastien und Bastienne” in Steglitz
(Stadtnachrichten - 23. November 2013)

Um Liebesschmerz und Liebesglück dreht sich Mozarts Singspiel, das nun im Stadtbad Steglitz inszeniert wird.


„Mittendrin statt nur dabei“ – dieser Werbespruch gilt wohl für keine Kulturstätte so wie für das Stadtbad Steglitz. Das ist auch bei der neusten Inszenierung von Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“ so, die am Freitag Premiere feierte. Das Publikum sitzt im Blauen Raum nicht nur auf gleicher Ebene mit den Sängern und Musikern, sondern wird selbst Teil des Spiels um Liebesleid und Liebesfreud.
Bastienne Regisseur Stefan Neugebauer holt den Einakter aus einem Dorf des 18. Jahrhunderts ins Berlin des 21. Jahrhunderts. Colas ist kein Zauberer, sondern ein Therapeut, der mit seinen esoterischen Methoden schon so manchem Paar geholfen hat, wie er noch vor Beginn der Handlung deutlich macht. Bei ihm nun sucht Bastienne, die mit ihrem Freund Bastien aus dem Ausland nach Berlin gezogen ist, Hilfe. Denn Bastien ist untreu und Bastienne tief verletzt. Seine Kristallkugel um Rat fragend, gibt Colas der jungen Frau den Rat, sich kühl gegen Bastien zu verhalten. Sinnbildlich streift Bastienne zusammen mit ihren Gummistiefeln ihr Dasein als „Landei“ ab, schlüpft in rote High Heels – ganz Dame von Welt – und befolgt den Rat. Bastien, der seine Fehler erkannt hat und Bastienne zurückgewinnen will, ist verzweifelt, denn seine Geliebte will ihn nicht anhören. Sogar sein Geschenk – das Stoffschaf ist wohl eine Reminiszenz an Mozarts Original, in dem Bastienne eine Schäferin ist – lehnt sie ab, obwohl es ihr schwerfällt. Nicht einmal Mozart höchstpersönlich kann Bastien helfen. Erst als er Selbstmord begehen will, hat Bastienne ein Einsehen. Und so endet das Singspiel nach rund 80 Minuten mit einem Happy End.
Die drei Sänger, die Neugebauer für das Stück engagiert hat, sind Stadtbad-Besuchern nicht unbekannt. Sie traten bereits im Sommer gemeinsam in der „Fidelio“-Inszenierung auf.
Ganz wunderbar anzusehen und anzuhören ist Kathleen Morrison als Bastienne. Sie hat nicht nur eine phantastische Stimme, mit der sie die beiden Kollegen fast ein wenig in den Schatten stellt, sondern spielt ihre Rolle überzeugend mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik ohne zu sehr in den Klamauk abzurutschen. Laurent Martin als Bastien beherrscht den Dackelblick des enttäuschten Mannes so gut, dass man im Publikum fast Mitleid haben möchte mit dem Treulosen. Besonders bewegend sind die Duette der beiden, weil ihre Stimmen nicht nur gut miteinander harmonisieren, sondern sich auch ergänzen. Hansjörg Schnaß als Colas wirkt immer ein wenig steif und unsicher in den gesprochenen Passagen. Allerdings bildet er damit auch einen ruhigen Gegenpol zu dem im Streit liegenden Liebespaar.
Das Spiel des clubtheater-Kammerorchesters unter der Leitung von Helmut Weese war ein Ohrenschmaus.
Das Premierenpublikum war begeistert und klatschte lange Beifall. Bleibt dem club-theater im Stadtbad Steglitz zu hoffen, dass sich das herumspricht und die rund 50 Plätze im Blauen Raum bei den nächsten Vorstellungen alle besetzt sind.




Sing um dein Leben!
(Neues Deutschland - 27. November 2013)

Das esoterische Gewese des Therapeuten ist wahrlich merkwürdig. Kein Wunder, dass sich Bastienne unter dessen Schreibtisch versteckt, während er sich wie ein vom Sturm gebeutelter Baum mit »Lirum, Larum ...«-Gesängen hin und her biegt, um eine Glaskugel nach der Zukunft der jungen Frau zu befragen. Aus der Ukraine kommend, hatte die sich westliche Gebaren ganz sicher nicht mit pseudofernöstlichen Methoden vorgestellt. Egal, sie will Hilfe in Liebesdingen. Da nimmt sie den Hokuspokus in Kauf.

Stefan Neugebauer hat die Handlung von Mozarts Singspiel »Bastien und Bastienne« mit seiner Clubtheater-Inszenierung im Stadtbad Steglitz nach Berlin verlegt. Sein Therapeut Colas eröffnete hier gerade eine neue Praxis. Hansjörg Schnaß verkörpert den obskuren Herrn, der sich nicht scheut, der jungen Frau anzubieten, sie als Bezahlung für seine Dienste zu vernaschen. Keine Chance? Na, dann nicht. Ein Versuch war es ihm wert. Vielleicht klappt es bei der nächsten Dame.
Schnaß bringt die schmierige Art und Arroganz gut an. Dem Wesen des Sängers wohl nahe und dadurch noch überzeugender wirkt später die Verschmitztheit, mit der er vorgeht, um die Krise des Paares noch zu befördern. Dabei regelt in diesem doppelbödigen Stück - wie er es natürlich vorher wusste - eigentlich die Liebe alles, was zu regeln ist.
Dennoch kann die vom Therapeuten als Landei bezeichnete Bastienne durchaus ein paar Tipps gebrauchen, um sich für ihren Liebsten begehrter zu machen. Mit ihnen wandelt sich Kathleen Morrison von der Naiven in die Verschlagene. Für ihre Liebe spielt sie das alte Spiel: Jetzt zeig’ ich mal, was du nicht kriegst! Morrison bewältigt mit wunderbarer Leichtigkeit die längsten Gesangspartien und kokettiert dazu noch mit dem Publikum.
Bastien Der Blaue Raum im Stadtbad überrascht mit angenehmer Akustik. Neugebauer, der neben der Regie diesmal auch die Ausstattung übernahm, platzierte das ausschließlich mit Streichern besetzte Clubtheater-Kammerorchester unter musikalischer Leitung von Helmut Weese unauffällig an der Seite. Auf geradezu wundersame Art macht es sich durch sein behutsames Spiel dann selbst unsichtbar. Bastien, der wie Bastienne aus dem Gewitterregen hereinstolpert, leuchtet in Gelb. So aufgebracht, wie er sich gibt, passt das. Mit seiner Liebsten gerade an der Spree angekommen, will er erst einmal den Macker spielen, dem die Damenwelt zu Füßen liegt. Sein schönes Weib wähnt er derweil für sich sicher. Geschniegelt schlendert also Laurent Martin als Bastien herein und sieht sich verwundert mit einer nicht mehr so leicht zu lenkenden Bastienne konfrontiert. Damit kommt er nicht klar und sucht ebenfalls die Hilfe des Heilers. In der Rolle dann in Selbstmitleid badend und schlotternd den Selbstmord androhend, wird Laurent Martin richtig komisch. Die Aufforderung des kleinen, Geige spielenden Mozart, als der in dieser Vorstellung Linus Herrmann kurz hereinspazierte, hatte ihm zunächst nicht großartig weiterhelfen können. »Sing um dein Leben!«, hatte der ihm geraten. Mit Geschick überspitzt ist Neugebauers gut einstündige, ins Heute gebrachte humorvolle Fassung des in Berlin 1890 erstmals aufgeführten Singspiels. Schließlich eine sich in jede Zeit fügende Geschichte mit Liebesdingen, die so sind, wie sie immer waren - auf wunderbare Weise unübertrefflich unvernünftig. Unheilbar. Aber mit dieser Weisheit rückten Therapeuten schon zu Mozarts Zeiten wohlweislich nicht heraus.




Bastien und Bastienne
(zitty - 26/2013)

von Hermann-Josef Fohsel

Im intimen Ambiente des Blauen Salons im Stadtbad Steglitz erzählt Regisseur Stefan Neugebauer Mozarts Erstlingswerk neu. Gerade einmal zwölf Jahre alt war Klein-Wolfgang, als er Rousseaus Hirtenspiel „Le devin du village“ vertonte. Seit seiner Uraufführung 1768 wird das Stück als naive Kinder­oper missbraucht. Damit räumt Neugebauer auf. Er liest das Stück nicht als biederes Geschichtchen, wie die verlassene Bastienne ihren geliebten Bastien mit Hilfe des Zauberers Colas zurückgewinnt, sondern als ein Lehrstück esoterischer Scharlatanerie. Aus dem Zauberer Colas ist ein windiger Thera­peut geworden. Zu ihm kommt Bastienne (mit großer Stimme: Kathleen Morrison), um sich Rat zu holen, wie sie ihren Bastien zurückgewinnen kann. Den gordischen Beziehungsknoten durchschlägt dann Mozart (wunderbar lakonisch: der 13-jährige Edmund Frendo), der Geige spielend dem Paar klar macht, dass sie zusammengehören.




Bastien und Bastienne
(Opernfreund - 6. Dezember 2013)

von Ingrid Wanja

Durch und durch professionell

Vom Schäferspiel des Rokoko, das der zwölfjährige Mozart 1768 auf eine Parodie des Librettos des Aufklärers Rousseau vertonte, ist in der Aufführung des clubtheater-berlin im Stadtbad Steglitz nur ein Plüschschaf geblieben, das der verzweifelte Bastien seiner Bastienne als Versöhnungsgeschenk aus dem Zapf-Umzugskarton reicht. Statt auf der lieblichen Aue spielt das Stück nun im modernen Berlin, in das es ein gerade im Streit liegendes Liebespaar verschlagen hat, und dass es noch nicht Wurzeln schlagen konnte, bezeugen die unzähligen Umzugskartons und der Stadtplan, mit dem in der Hand Bastienne den Esoteriker, Magier, Sterndeuter Colas aufsucht, um Rat zu finden, wie sie den flatterhaften Bastien an sich binden könne. Colas hatte bereits, ehe das Stück überhaupt beginnt, mit magischen Klängen auf sich aufmerksam gemacht, mit ihnen wird das Publikum auch nach gut einer Stunde wieder verabschiedet. Während der Magier nach großem Brimborium mit einem Tanz unter der Diskokugel ihr den Rat gibt, abweisend gegenüber dem Liebhaber zu sein, führt diesen gerade die scheinbare Kälte Bastiennes ebenfalls zu Colas, der zu mehr Liebenswürdigkeit gegenüber der nun gespielt Kaltherzigen rät. Das alles scheint nichts zu nützen, so dass Bastien mit dem Handwerkszeug für vier Arten von Selbstmorden bewaffnet sich für das Erhängen entschließt und damit endlich die Geliebte erweichen und das Stück zu einem glücklichen Ende führen kann. Anders als man es auf mancher großen Opernbühne erlebt hat, gewinnt das liebenswürdige Etwas von Singspiel durch die Aktualisierung, weil diese selbst sich auch nicht allzu ernst nimmt.

Man merkt der Aufführung in der Regie von Stefan Neugebauer, der auch die Ausstattung besorgt hat, an, mit wie viel Liebe zur und wie viel Wissen um die Oper die Produktion gestaltet wurde. Davon zeugen viele die Situation und die Personen charakterisierende Regieeinfälle, so auch die Einbeziehung des Publikums in das Geschehen. Wie im Sommer für "Fidelio" mit der großen Schwimmhalle, wurde für das Kammerspiel ein intimerer Raum mit der Fitnesshalle gewählt. Eine hübsche Idee ist es, den ganz jungen Mozart durch einen noch weniger als Gleichaltrigen verkörpern und sich Geige spielend um Versöhnung bemühen zu lassen. Ob das an diesem Abend Edmund Frendo oder Linus Herrmann war, ließ sich aus der Besetzungs-Karte nicht erschließen. Freude bereitet es auch, junge Leute im Studentenalter das Orchester bildend zu sehen; ein Streichquartett, dazu Oboe und Klarinette, am Klavier und gleichzeitig als Dirigent der musikalische spiritus rector Helmut Weese. Zwar klappte das Zusammenspiel nicht durchgehend, aber insgesamt zeigten sich die jungen Leute mit ihrem Betreuer als tüchtige Musikanten.
War man beim Fidelio noch etwas skeptisch gewesen, was die Besetzung von Rollen wie Florestan und Pizarro mit ganz jungen Sängern betraf, so waren die des Singspiels für die Mitwirkenden wie geschaffen. Hansjörg Schnaß, der damals Rocco gewesen war, spielte und sang nun den Colas mit abgrundtiefem Bass und traf die liebenswürdige Zwielichtigkeit der Figur sehr gut. Laurent Martin besaß für den Bastien einen hübsch timbrierten, in allen Lagen gut ansprechenden, obertonreichen Tenor, der über viel Farbe und Flexibilität verfügte. Überaus charmant gab Kathleen Morrison die Bastienne, ihre Stimme scheint seit der Marzelline im Sommer gewachsen zu sein, dunkler grundiert, höhensicher, mit interessantem Timbre und präsenter Mittellage. Nur die Intervallsprünge gelangen noch nicht perfekt. Insgesamt war das in allen Bereichen eine Aufführung auf hohem, durchaus professionell zu nennendem Niveau, und man kann nur hoffen, dass alle Beteiligten ihre Arbeit fortsetzen werden. Es gibt bis zum 22.12. an jedem Freitag, Sonnabend und Sonntag Vorstellungen - und der Besuch lohnt sich!

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