Clubtheater Berlin

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Presse zu "Die Verwandlung"

Verwandlung im Stadtbad
(Berliner Morgenpost - 29. Januar 2013)

von Boro

Gregor Samsa ist ein nur allzu menschliches Monster, erschaffen 1915 von Franz Kafka. Eigentlich ist er ein die väterlichen Schulden abarbeitender Handlungsreisender, ehrgeizig, funktionierend wie ein Uhrwerk, ganz die rückgratlose Kreatur seines Chefs. Doch eines Morgens erwacht er als Riesenkäfer. Ein Anblick, der die Familie zwar erschreckt, aber nicht so sehr wie die Aussicht darauf, plötzlich ohne sein monatliches Gehalt dazustehen. Als Kafkas meisterliche Erzählung "Die Verwandlung" erschien, erschloss sie der modernen Literatur auf revolutionäre Weise neue Geltungsbereiche und Ausdrucksmöglichkeiten. Das herausragende Werk auf die Bühne zu bringen ist Regisseur Stefan Neugebauer nun überzeugend gelungen. Mit seiner Dramatisierung und Inszenierung der "Verwandlung" zeigt er in der Alten Wäscherei des Stadtbads Steglitz im leicht heruntergekommenen Ambiente die zeitlos hohe Aktualität des Stücks.

Wirtschaftlich unbrauchbar geworden und gesellschaftlich nicht mehr tragbar, wird Gregor (Kevin Klisch) nach anfänglich halbherzigen Bemühungen schnell zur Belastung für Vater (Michael Hecht) und Schwester (Barbara Felsenstein). Neugebauer sieht in Kafkas "Verwandlung" vor allem eine Kapitalismuskritik, in Gregor ein Burn-Out-Opfer, was hervorragend funktioniert. Ökonomisch wertlos wird jeder zum Freak. Egal, ob Arbeitslose, Harz-IV-Empfänger oder Alte. Die Low-Budget-Produktion bringt diesen Aspekt auch optisch mit einfachen, aber effektiven Mitteln auf den Punkt. Endlich mal ein Kafka, der einem die Welt erklärt.




Die Verwandlung
(zitty - 04. Februar 2013)

von Tom Mustroph

Die Arbeit ist ein hartes Brot. Regisseur Stefan Neugebauer hat daher im früheren Stadtbad Steglitz Franz Kafkas rätselhaftes Metamorphosenstück in eine Flucht aus der Arbeitswelt verwandelt. Gregor Samsas Käferdasein erscheint nun als Verweigerungshaltung gegenüber Gleitzeit und immerwährender Einsatzbereitschaft. So ganz können das Samsas Familienangehörige zu Beginn nicht verstehen. Doch als Schwester wie auch Vater zum Geldverdienen in die Knochenmühle Arbeit ­zurückkehren – die Schwester als heutige Ich-AG-Gründerin, der Vater als Schluss­verkaufstiger einer Warenhauskette – lernen sie die Mühen ebenfalls kennen und hassen.

Die Verwandlung

Zur Solidarisierung der zu Arbeit Genötigten schreibt Neugebauer den Stoff nicht um. Er bleibt auf der Ebene der Elendsbeschreibung. Dies macht er mit naturalis­tischem Zugriff, der die oft drohenden Peinlichkeiten dieser Spielweise aber vermeidet. Schön ist es, die Sprache Kafkas aus dem Munde Barbara Felsensteins als Schwester perlen zu hören. Kevin Klisch, der zunächst als Handlungsreisender Gregor Samsa das rechte Maß zur Verkaufsschau nicht zu finden vermag, überzeugt dann als vielschichtige Käferfigur. Eine geglückte Adaptation des Grusel erzeugenden Originaltextes, die mit dem Pfund der speziellen Räumlichkeiten des alten Stadtbads gut zu wuchern versteht. 




Das ganze Käferelend wird sichtbar
(Berlin / Brandenburg - 18. Februar 2013)

von Tom Mustroph

Zuweilen sind 100 Jahre eine Ewigkeit, zuweilen nur ein Wimpernschlag. Verblüffend aktuell erweist sich Franz Kafkas vor 100 Jahren niedergeschriebene Erzählung »Die Verwandlung« in einer Theaterfassung von Stefan Neugebauer im zum Clubtheater umgewandelten früheren Stadtbad Steglitz. Neugebauer lenkt die Aufmerksamkeit nicht so sehr aufs Ekelpotenzial des zum Riesenkäfer ausgewachsenen einstigen Handlungsreisenden Gregor Samsa. Vielmehr operiert er mit den entfremdenden Effekten von Arbeit. Damit gelingt ihm und seinem dreiköpfigen Ensemble eine sehr heutige Deutung.

Vor allem das unerbittliche Zeitregime der Arbeitswelt des Gregor Samsa schält sich als verwandlungs- und damit verweigerungsauslösend heraus. Um Zugpläne und frühes Aufstehen dreht sich das Arbeitsleben des Handlungsreisenden. Es ist von anstrengender Ort-Zeit-Logistik und unregelmäßiger Ernährung charakterisiert. Als Objekt in diesem Bedingungsgefüge ist Samsa zu nur oberflächlichen sozialen Kontakten verdammt. Hinzu kommt ein beständiger Leistungsdruck. Der wird nicht nur durch den Prokuristen verkörpert, der gleich beim ersten Fehltag des Angestellten in dessen Wohnung erscheint. Auch Samsas Schwester Grete und der Vater haben diese Mechanismen soweit internalisiert, dass sie wie externe Agenten der Firma agieren.

Kafka hat hier extrem hellsichtig am Beispiel des Marketinggewerbes noch vor dem 1. Weltkrieg bereits wesentliche Mechanismen der postindustriellen Arbeitsgesellschaft vorgeführt. Es fehlt lediglich das Versprechen eines Besuchs in der Wellnessoase für ausgelaugte Außendienstmitarbeiter.

Kein Wunder also, dass sich Samsa seine eigene Wellness organisiert. Als Käfer liebt er es, an der Decke zu hängen und die Lasten der Schwerkraft ganz dem Klebstoff an seinen Füßen zu überlassen. Regisseur Neugebauer hat seinen Darsteller Kevin Klisch nun aber nicht zu akrobatischen Leistungen verdonnert. Er profitiert vielmehr von den verschachtelten Räumen in der ehemaligen Wäscherei des alten Schwimmbads. Mal ist das Zimmer des Menschenkäfers nur durch eine gläserne Durchreiche einzusehen. Was in den verborgenen Ecken geschieht, spielt sich in den Köpfen der Zuschauer ab. Dann wieder wird das Zimmer nach vorn verlagert und das ganze Käferelend wird sichtbar.

Freilich liegt in diesem Dasein auch eine Freiheit. Schwester und Vater erkennen dies aber erst, nachdem sie sich selbst den Zwängen der Arbeitswelt ausgesetzt haben. Schwester Grete (Barbara Felsenstein) erkundet die schalen Möglichkeiten einer Ich AG-Existenz. Sie murmelt Finger lackierend Motivationsmantras vor sich hin. Der Vater (Michael Hecht) verdingt sich hingegen als Schlussverkaufstiger einer Warenhauskette. Sein Tigerkostüm stellt einen ironischen Kontrast zur Käferfigur des Aussteigers Gregor dar.

Dessen Ausbruch entpuppt sich allerdings als Sackgasse. Schwer lastet seine zunehmend als parasitär wahrgenommene Existenz auf der Familie. Solidarisierung im Elend findet nicht statt. Samsa hungert sich aus dem Leben. Seinen Familienangehörigen bleibt - trotz idyllisch beschriebenem Ausflug mit der Elektrischen vor die Tore der Stadt - nur der Weg in dieselben disziplinierenden Gleise, denen Gregor durch Monsterwerdung instinktiv zu entkommen versuchte.

»Die Verwandlung« ist hier als Elendsdrama in naturalistischer Spielweise konzipiert. Auswege sind nicht in Sicht. Dies stellt Kafka in klarer, luzide schwingender Sprache dar, der man sich vor allem dann entzückt hingibt, wenn sie aus dem Munde Barbara Felsensteins perlt. Samsa-Darsteller Kevin Klisch vermag zunächst als Handlungsreisender nicht das rechte Maß zur Darstellung einer Verkaufsschau zu finden. Er überzeugt später aber als vielschichtige Käferfigur. Eine geglückte Adaptation des Grusel erzeugenden Originaltextes, die mit dem Pfund der speziellen Räumlichkeiten des alten Stadtbads gut zu wuchern versteht.