Stefan Neugebauer

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Der Streit

Interview mit der Zeitschrift "Kult" in Tirana

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1. Sie verwandeln das Stück von Marivaux in eine Art Liebeslabor. Wie gelingt es Ihnen, die einzelnen Komponenten richtig zu mischen?

Sie wollen ein Rezept? Zwei mobile Laborkisten, vier Versuchskaninchen und eine große Portion Liebe. Nein, im Ernst, die Frage, die Marivaux stellt, ist unglaublich spannend: Was genau passiert, wenn sich Mann und Frau wie einst Adam und Eva begegnen und verlieben? Und der besondere Reiz des Experiments besteht darin zu beobachten, was passiert, wenn eine weitere Frau und ein weiterer Mann in dieser Versuchsanordnung auftauchen. Dann kommt es nämlich zu Reaktionen, die aus dem Labor ein Irrenhaus machen.

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2. Es ist die dritte Aufführung mit Schauspielstudenten und jungen Absolventen der Kunstakademie.
Was meinen Sie, gibt es Talente an der Akademie? Und ist es hier einfacher, Ihre inszenatorischen Ideen umzusetzen?

Es gibt viele Talente, das Problem ist nur die richtigen Schauspieler auf die Schnelle zu finden. Ich hatte bei der Auswahl der Schauspieler ein bisschen Glück. Nein, einfacher ist es hier nicht, da ist zum einen die Sprachbarriere ich spreche keine Albanisch und unsere Verkehrssprache ist in der Regel Italienisch – und zum anderen gibt es hier eine andere Theatertradition. Da stoßen manchmal Welten aufeinander. Andererseits ist es natürlich ein großer Reiz für alle Beteiligten mehrsprachig zu arbeiten, und wenn sich diese Mehrsprachigkeit mit der Idee des Liebes-Labors verbinden lässt, ist das letztlich ein Gewinn für das Stück. Wir haben hier eine Art Mini-Europa erlebt. Albanische Schauspieler, ein französischer Autor und ein deutscher Regisseur.

Streit

3. Marivaux ist angeblich ein gefühlvoller französischer Theaterautor. Wie sind Sie gerade auf ihn gekommen? Was gewinnt oder was verliert das Stück bei dieser Aufführung?

Ich hoffe, dass es nichts verliert. Ich weiß gar nicht, ob Marivaux so gefühlvoll ist, ich würde eher sagen, er ist unglaublich raffiniert und doppeldeutig. Nun der Gewinn sollte darin bestehen, dass wir Marivaux auf uns beziehen. Wir reisen nicht in die Vergangenheit des 18. Jahrhunderts sondern holen das Stück ins Hier und Jetzt. Wir befinden uns ja selbst immer wieder in einer Art Liebeslabor, wenn wir uns von neuem verlieben. Und ich bin mir sicher, dass Sie sich nicht nur einmal in den Figuren wieder erkennen. Zum Beispiel: Wie sage ich einer Frau, dass ich mich in eine andere Frau verliebt habe? Wie reagieren Sie auf eine mögliche Konkurrentin? Wie lange hält ein Liebesschwur? Eine Stunde? Eine Woche? Ein Jahr? Oder wirklich ein Leben lang? Das ist von außen betrachtet durchaus komisch, aber für die Figuren im Stück existenziell.

4. Ich habe erfahren, dass Sie eine Oper auf die Bühne bringen wollen. Wie weit stehen Sie mit diesem Projekt?

Was Sie alles wissen. Es ist eine große Herausforderung Mozarts „Zauberflöte“ an der Oper von Tirana zu inszenieren. Wir möchten die Geschichte so erzählen, dass die Königin der Nacht und Sarastro um ihre Tochter Pamina kämpfen. Dieser Familienstreit kennt kein Pardon. Aber keine Angst der Humor wird nicht zu kurz kommen, es gibt ja noch Papageno, der nicht nur Vögel fängt, sondern auch seinen Teil dazu beiträgt, um Pamina zu befreien.

5. Abgesehen von der Arbeit - weshalb kommen Sie immer wieder nach Albanien?

Gute Frage. Ich stelle sie mir jedes Mal. Natürlich ist es eine große Bereicherung, im Ausland zu arbeiten, denn man lernt die Menschen ganz anders kennen. Inzwischen habe ich hier sogar einige Bekannte und Freunde. Außerdem brauche ich ab und zu „Erholung“ von Deutschland. Und wenn ich eine Weile hier war, kann ich mich wieder von Albanien „erholen“. Komischerweise inspiriert mich Tirana, denn die jeweiligen Projekte, die im Laufe der letzten Jahre entstanden sind, habe ich mir nicht zu Hause am Schreibtisch ausgedacht, sondern sie kamen mir alle hier in den Sinn. Hoffentlich geht es so weiter. Ob das nun am Wetter, der Stadt, dem Essen oder den Menschen liegt, weiß ich nicht. Ich vermute, es ist einfach die richtige Mischung der Komponenten.



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